Auf der Suche nach den verborgenen Schätzen des Binntals

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Binn | Seit 60 Jahren durchforstet André Gorsatt abseits von allen vorgepfadeten Wegen das Binntal. Dadurch gelangen ihm Funde, mit denen er sowohl bei Laien als auch bei Experten für Verblüffung und glänzende Augen sorgte. Für sein Lebenswerk wird er heute mit dem Ehrendoktortitel gewürdigt.

 

Nahe der italienischen Grenze, am Fusse des Ofenhorns, entspringt der Nebenfluss Binna und schlängelt sich durchs Binntal, vorbei am Mineralien- Museum im Binner Feld, in dem ein älterer Herr hinter dem Tresen steht. In diesem Gebiet kennt der Strahler André Gorsatt jeden Quadratmeter. Seit über 60 Jahren ziehen ihn Steine in den Bann. Diese Faszination liess ihn selber zu einem Urgestein der Mineraliensucher werden.

Vom Meister gelernt

Schon früh in seiner Kindheit wurde die Leidenschaft bei Gorsatt entfacht, die ihn bis heute verfolgt. Im Alter von acht Jahren suchte er wie die meisten anderen Kinder im Tal nach Steinen und verkaufte sie an die Touristen. Da sein Onkel auf der Alpe war, suchte er dort oben nach selteneren Exemplaren, die ihm gegenüber seinen Schulkameraden einen Vorteil verschafften. «Nach einem Tag auf der Alp ging ich am Abend mit einem Hosensack voller Kristalle nach Hause.» Mit dem verdienten Geld gönnte er sich am Wochenende etwas, was er sich, aufgewachsen als uneheliches Kind in ärmlichen Verhältnissen bei seinen Grosseltern, nicht leisten konnte: Schokolade.

Noch näher zu den seltenen Mineralien brachte ihn der «legendäre Steinmann» Albinus Kiechler. Jeden Tag erzählte der über 90-jährige Kiechler dem jungen Gorsatt während des Mittagessens von Strahlerabenteuern und brachte ihm die Welt der Mineralien näher. Berühmtheit erlangte der um die vordere Jahrhundertwende tätige Strahler Kiechler aufgrund bemerkenswerter Funde. Einige der grössten Anatase des Alpenraums wurden im Binntal geborgen. So etwa der drittgrösste Anatas-Kristall, der jemals in den Alpen ans Tageslicht gekommen ist. Seit diesem Sommer befindet er sich wieder in der Sammlung Gorsatts, gefunden vor über 100 Jahren von seinem Meister Kiechler.

«Ich lese einen Felsen fast wie eine Zeitung»

Nach den ersten erfolgreichen Funden als Kind schlug Gorsatt als junger Erwachsener den Weg des Strahlers ein. «Ich wollte in der Natur sein und selber entscheiden, was ich mache.» Durch enorme Neugierde und das Studium von ausgewählter Fachliteratur über das Binntal eignete er sich im Lauf der Zeit immer mehr Wissen an und machte sich auf mehrtägige Expeditionen mitsamt Biwak. Durch das Studium der Doktorarbeit von Dr. Baader, die während der beiden Weltkriege verfasst wurde, erhielt er beispielsweise Anhaltspunkte über den seltenen Turmalin. Daraufhin machte Gorsatt sich etliche Male auf die Suche nach diesem raren Gestein. Bis er ihn gefunden hat – und zwar den «grössten und schönsten Turmalin», wie er ihn selber nennt.

Einer seiner bedeutsamsten Funde waren Berylle in einer Gegend, in der es nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen eigentlich gar keine Berylle geben konnte. Vor 40 Jahren trug er einen zehn Kilogramm schweren Quarzbrocken zu Tale und stiess beim Aufspalten auf einen tiefblauen Beryllkristall. Lange Zeit begab er sich auf die Suche nach weiteren Exemplaren dieses kupferhaltigen Aquamarins – die Jagd danach blieb aber ergebnislos. Jahrzehntelang gelang ihm kein weiterer Fund, bis er im Jahr 2007 und 2008 Berylle im falschen Felsen fand. Was für Geologen unmöglich schien, entdeckte Gorsatt dank seinem Spürsinn: «Ich gehe bewusst an Orte, wo es laut den Büchern die gesuchten Steine nicht zu finden gibt. Ich lese einen Felsen fast wie eine Zeitung.»

«Keine tote Materie»

«Beim Strahlen bewege ich mich einerseits in der wunderschönen Binntaler Natur, andererseits ist es aber auch schwere Arbeit», umschreibt Gorsatt sein zum Beruf gewordenes Hobby. Um auf wunderbare Gesteine wie den seltenen Turmalin zu treffen, geht ohne Bohrmaschine und Spaltkeile gar nichts. Sprengen hingegen sei ein absolutes Tabu, da gingen zwei Drittel der kostbaren Mineralien kaputt. Das Durchforsten der verborgenen Schätze ist für Gorsatt eine Herzensangelegenheit, bei der er bedachtsam vorangräbt: «Manchmal arbeite ich einen ganzen Tag in einer Kluft, ohne ein einziges Stückchen rauszunehmen.» Die akkurat gewonnenen Exemplare Gorsatts sind deshalb auch unverletzt.

Die Begierde für die Mineralien ist bei dem mittlerweile 68-jährigen Herrn eine Geisteshaltung: «Mineralien sind nicht eine tote Materie. Die grosse Faszination ist für mich, ein spezielles Stück aus dem Boden rauszunehmen und ihm das Tageslicht zu schenken.» Das schaffe zwischen ihm und den Mineralien eine Beziehung, die nicht mehr vergessen wird: «Gehe ich durchs Museum, sehe ich lauter Geschichten. Die einzelnen Tage und Fundorte brennen sich bei mir ins Gedächtnis.»

Ehrendoktortitel geht ins hinterste Binntal

Seitens der Universität waren die Beiträge des Binner Autodidakten sehr aufschlussreich. Prof. Marcel Tanner von der Universität Basel betont den Wert seiner Arbeit: «Unsere Basler Mineralogie wäre heute nicht so gut, wenn wir nicht auf Leute wie André Gorsatt vertrauen könnten. Die Rolle dieser Auszeichnung ist, diejenigen Leute auszuzeichnen, die Aussergewöhnliches leisten und einen grossen Beitrag zur Wissenschaft gemacht haben, aber nie die Möglichkeit gehabt hatten, eine akademische Ausbildung zu machen.»

Auch Gorsatt war von dem Schreiben, ob er denn seinen Titel annehmen möchte, überaus überrascht: «Dass man ohne eine akademische Karriere zuhinterst im Binntal einen Ehrendoktortitel bekommen kann, ist für mich eine grosse Genugtuung.» Der Titel festige zudem den Standort des Mineralienmuseums Gorsatt im Binner «Fäld». Sein Lebenswerk, welches die grösste Binntalsammlung zeigt, hat er einer Stiftung überschrieben: «Die Sammlung bleibt und gehört dem Binntal.»

So finden die in Zukunft gefundenen Exemplare direkt den Weg in die Glasvitrine seiner Ausstellung. «Für einfache Kristalle gehe ich nicht mehr den Berg rauf. Jetzt will ich nur noch ausgesuchte Spezialitäten finden.» Den einen oder anderen verborgenen Schatz wird der unbeirrbare Binner sicher noch finden. Den Gästen wird er dann durch seinen Laden und das Museum flanierend eine neue Geschichte entfalten, wie er am Rande der Vegetation auf einen neuen Stein gestossen ist.

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