So Leben? Nein, Danke!

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Brig | Am vergangenen Freitag feierten fünf Schüler am Briger Kollegium rund um die Regisseurin Regula Imboden die Premiere des Stücks «Lieblingsmenschen». Ein hässlich schöner Abend. Fünf junge Schüler spielen fünf Studierende. Sie schlüpfen in Rollen, die bloss einige Jahre in der Zukunft liegen. Ob sie sich auf ihre mögliche Zukunft freuen können? Wenn es den Schauspielern so ergehen wird wie den Rollen, wohl kaum. Denn das Stück «Lieblingsmenschen» der Schweizer Autorin Laura de Weck zeigt ein Porträt von wohlstandsverwahrlosten, orientierungslosen halb Erwachsenen, die sich die Nächte tanzend und die Tage schweigend um die Ohren schlagen. Auf einer fast leeren Bühne begrüssen sich Anna und Jule. Überschwänglich, aufgesetzt klingt es da: «Hey, haallo. Hallo. Ja. Hi. Hey. Hey. Ja. Jaja.» Physiotherapie wird mit Philosophie verwechselt und im Zentrum steht die Frage: «Und, machts Spass?» Lenkt Anna, die Philosophie-Studentin, das Gespräch in Richtung Ernsthaftigkeit, wird es schnell einmal als «zu kompliziert» zur Seite geschoben. Lili, die Psychologie-Studentin, will von den Männern verführt werden. Auf Nachfrage von Gentleman Sven weiss sie selbst aber nicht, wie sie sich das genau vorstellt.

Erleben, um zu erzählen

Überhaupt wissen sie alle nicht, was sie wollen und wo sie im Leben stehen. Im Verlauf des Stücks werden die Figuren immer poröser und sie erlauben sich, im Gegensatz zu den sonst maximal zehnsilbigen Äusserungen, explosive Monologe. So klingt es nach dem Durchrasseln durch die Abschlussklausuren bei dem coolen Darius plötzlich so: «Ihr seid so uninteressiert. Es ist zum Kotzen.» oder: «Ihr habt keinen Furz Romantik, ihr habt nur Prüfungsangst.» Insgeheim wissen die fünf Irrenden vielleicht doch, was sie wollen: so sein wie Philipp. Philipp, der Sechste, ist der grosse Abwesende, er tritt nie auf. Er hat keine Lust dazu. «Alle erleben, um zu erzählen», realisiert Anna am tragischen Schlusspunkt des Stücks. «Er (Philipp) eben nicht.» Denn er weiss, was er will. Sein Studium und die mittlerweile sechsjährige Beziehung mit Anna. «Mehr kann man doch gar nicht verantworten, wenn man ehrlich sein will», zitiert Anna den Abwesenden.

Beziehungslose Lieblingsmenschen

Die Liaison zwischen Anna und Philipp ist die einzig nennbare Beziehung zwischen den auf Oberflächlichkeiten bedachten, jede Verbindlichkeit scheuenden Heranwachsenden. Der anfangs irritierende Titel des Stücks verdeutlicht dies umso mehr, denn zwischen Freunden entstehen Freundschaften. Lieblingsmenschen jedoch sind etikettierte Personen, zu denen keine Beziehung zwingend nötig ist. Das Aneinander-Vorbei-Reden sowie die Sprachreduktion der Jugendlichen sind als Zuschauer beinahe nicht auszuhalten. Wird es still auf der Bühne, hört man gar den leise im Hintergrund monoton pochenden Pulsschlag. Minimalistisch ist nicht nur die Sprache des Stücks, sondern auch das Bühnenbild. Ganz in Grauschwarz gehalten, knallen die farbigen Jeans, Lederjacken und Bierflaschen dem Betrachter ins Auge. Ein von aussen sichtbares Lebenszeichen. Im mittlerweile vierten Stück von Regula Imboden auf dem Briger Bildungshügel inszeniert sie das Stück rhythmisch mit tänzerischen Zwischenstücken. Jede Bewegung, jeder Blick, jede Geste passt. Die Nachwuchstalente überzeugen.

Der Puls der Jugend?

Doch soll das Stück wirklich ein Porträt einer ganzen Jugend sein? Das wäre wohl ein Fehlschluss. Denn manch ein junger Zuschauer fühlt sich angetan zu rebellieren gegen dieses überspitzte Zerrbild. Und das will das Stück eben auch bewirken. Den Zuschauer aufrütteln und schreien: «So leben? Nein, danke!» Die von Anna am Anfang zitierte These Karl Rosenkranz’ setzt die Autorin de Weck in ihrem Stück gleich um: Darf sich zum Schönen auch das Hässliche hinzugesellen, vereinigt es sich dadurch zur Wahrheit. «Lieblingsmenschen» ist ein sehenswertes, wahres Stück.
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