«Meine Universität war die Strasse»

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Brig-Glis / Bern | Er gilt als eine der kritischsten Stimmen der Schweiz. Im Interview spricht Lukas Bärfuss über Sicherheit, Rausch und den Reichtum des Augenblicks.

 

Lukas Bärfuss, in Ihrem aktuellen Buch «Hagard» verfolgt Philip, ein Mittvierziger, Durchschnittsmensch und Immobilienhai, eine junge Frau. Haben Sie zur Recherche zu diesem Buch jemanden verfolgt?

«Nein. Ich bin zu schüchtern und dazu würde meine Höflichkeit mir das verbieten. Das wäre ein unanständiger Akt. Aber natürlich habe ich recherchiert: über die Stadt und jenen bestimmten März-Tag.»

Unsere Realität ist geprägt von Verfolgern in den sozialen Medien: Lassen wir unseren Mitmenschen zu wenig Privatsphäre?

«Die Sphären des Öffentlichen und des Privaten sind durcheinandergeraten. Man weiss selten, wo das eine beginnt und das andere aufhört. Die sozialen Medien gaukeln Nähe vor, aber tatsächlich distanzieren wir uns immer mehr. Wie Adorno und Horkheimer formulierten: ‹Kommunikation besorgt die Angleichung durch Vereinzelung. Kommunikation verbindet nicht, sie trennt uns.› Augenfällig wird es zum Beispiel im Zug: Alle kommunizieren, niemand hat etwas mit dem anderen zu tun.»

Philips Geschichte zeigt, dass ein kontrolliertes Leben schnell ausser Kontrolle geraten kann. War das bei Philip ein unglücklicher Zufall oder sein Schicksal?

«Es braucht wenig, um unsere bürgerliche Existenz zu verlieren. Neulich hatte ich einen Termin und meinem iPhone war der Strom ausgegangen. Ich wusste weder die Adresse, noch hatte ich eine Telefonnummer. Es gab mich buchstäblich nicht mehr. Was uns im bürgerlichen Leben hält, ist brüchig und fragil. Allerdings liegt darin auch eine Chance, denn sobald man auf diese Dinge verzichten muss, entdeckt man eine andere Welt. Ich zum Beispiel musste in jener Situation um Hilfe bitten. Letztlich erfolglos, aber daraus entstanden interessante Begegnungen. Deshalb sehe ich diesen Philip nicht nur in seinem Scheitern. Er entdeckt auch ein neues Universum.»

Mit «Hagard» werden abgerichtete Tiere, besonders Falken, bezeichnet, die sich nie vollständig zähmen lassen. Nehmen Sie viele gezähmte Wesen wahr, die jederzeit ausbrechen können, aber in der Freiheit nicht mehr überlebens fähig sind?

«Freiheit kann gewalttätig sein. Man löst sich aus den sozialen Verpflichtungen und handelt egoistisch. Das Leben in einer hochkomplexen Gesellschaft bedarf einer hohen Zähmung. Eine Zähmung der Affekte, eine Zähmung der Ambitionen. Sobald wir in einer Gesellschaft leben wollen, müssen wir ihre Regeln akzeptieren. Je weiter entwickelt diese Gesellschaft ist, umso höher entwickelt sind auch die Restriktionen, die Verbote. Bricht man in der Schweizer Gesellschaft gewisse Übereinkommen, dann wird man sehr schnell zum Aussenseiter.»

«Was uns im bürgerlichen Leben hält, ist brüchig und fragil»

Mit dem Einbruch der Leidenschaft, der dionysischen Kraft, wird Philips Vernunft ausgeschaltet und sein Leben gerät ausser Kontrolle. Ist der Einbruch der Triebe eine stete Gefahr?

«Vielleicht auch eine Gefahr, aber es ist sicher eine Utopie, dem Begehren zu folgen und dieses Begehren über alles andere zu stellen. Die Einzäunung der Sexualität ist in unserer Gesellschaft fast vollständig vollzogen. Wir wissen genau, welche Berührung erlaubt ist und welche die Grenze des Zulässigen überschreitet.»

Der Held Ihrer Geschichte widmet sein Leben dieser Verfolgungsjagd bis zur Auflösung seiner Existenz. Braucht es mehr solche absoluten Hingaben?

«Sicher ist es auch ein Plädoyer, dass man der eigenen Sicherheit nicht den höchsten Rang im Leben geben sollte. Ueli Stecks Tod hat auch mich sehr berührt. Er war ein Mensch, der die eigene Sicherheit nicht über alles gestellt hat. Er suchte eine Begegnung mit den grundsätzlichen Bedingungen der Existenz. Damit brachte er sich in Gefahr, und damit hat er polarisiert: Weil wir uns das in der Regel verbieten und die Sicherheit und die Planbarkeit ins Zentrum unseres Lebens stellen, bewundern wir diese Menschen. Und zugleich fürchten wir ihr Beispiel.»

Eine solche Hingabe spürt man besonders bei kreativ Tätigen wie etwa Schriftstellern. Spielt es eine Rolle, an welche Tätigkeit man seine Hingabe richtet?

«Nun, Kunst erfordert auch eine Disziplinierung. Also nicht nur Veräusserung, sondern auch die Vertiefung und Konzentra tion. Grundsätzlich ist das aber immer und überall möglich. Die Versenkung in den Augenblick ist wunderbar und hält einen grossen Reichtum bereit. Diese Versenkung suche ich auch beim Schreiben.»

Erst durch den Ausbruch aus der Gesellschaft und aus seiner Routine erwachen die Sinne Philips von Neuem. Sieht man das wahre Gesicht der Gesellschaft erst, wenn man neben ihr steht?

«Ich weiss nicht, ob es das wahre Gesicht ist. Baudelaire hat gesagt, dass man die eigene Geschichte nur durch die Augen der Armen erkennt. Aus einem einfachen Grund: Reichtum bedeutet auch Schutz, Schutz vor der Wirklichkeit. Sobald man arm ist, steht man in einem direkten Kontakt mit der Wirklichkeit. Wenn ich keine Schuhe trage, fühle und erkenne ich den Boden, das kann Schmerzen bereiten, kann mich verletzen, aber gewiss erfahre ich mehr über den Boden, und zwar aus eigenem Interesse.»

Die 36-stündige Reise Philips ähnelt einem Rausch, einer völligen Hingabe seiner Existenz an die Sehnsucht. Braucht es mehr solche Rauscherfahrungen?

«Unbedingt! Ich bin gegen Drogen, aber ich liebe den Rausch. Zu einem erfüllten Leben gehört der Rausch.»

Sie beschreiben eine Zukunft ohne Zuversicht – eine Schwellenzeit, in der die Überzeugung am eigenen Schicksal schmieden zu können, verloren geht: Wo sehen Sie das in unserer Welt?

«Das ist die Beschreibung eines Zeitgeistes in jenem März 2014. Man fand damals häufig die Idee, dass wir uns auf einen Epochenbruch zubewegen. Das ist eine gefährliche Haltung, da man nicht mehr glaubt, etwas verändern zu können. Die Zukunft ist aber undefiniert.»

Wie viel an der Zukunft ist veränderbar?

«Alles! Bis zum Beweis des Gegenteils ist alles möglich. Und bis zum Moment unseres Todes sind wird frei zu handeln. Es steht uns frei, diese revolu tionäre Erkenntnis praktisch umzusetzen.»

Sie lösen als Schriftsteller und Intellektueller Debatten aus und alle diskutieren mit. Brauchen wir eine ausgeprägtere Streitkultur?

«Selbst wenn wir es nicht brauchen —ich weiss nur, es macht Freude. Es ist lebensbejahend, vitalisierend, wenn man in Alternativen denkt. Sobald ich höre, etwas sei nicht möglich, kommt der Künstler in mir, und der sagt: Es könnte auch anders sein! Dieser Austausch von Ideen, was möglich sein könnte, macht glücklich.»

 

Lukas Bärfuss. © KEYSTONE/Dominic Steinmann #lukasbärfuss #portraitphotography #artificiallight #leukerbad #schweizerliteratur #ill17

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Ohne eine schulische Ausbildung gemacht zu haben, halten Sie Vorträge an Universitäten und lehren am Literaturinstitut in Biel. Wie war Ihr Weg zum Intel lektuellen?

«Am meisten hat mich die Leidenschaft fürs Lesen geprägt. Zudem habe ich eine grosse Neugier für Menschen. Ich habe viele interessante Menschen getroffen und bin dankbar für den Austausch mit ihnen. Auch ich habe es nicht allein geschafft. Meine Universität war auf der Strasse – im direkten Kontakt mit anderen Menschen und Künstlern.»

Angefangen hat Ihr Weg zum Schriftsteller mit einer inszenierten Handlung: Sie haben von sich be hauptet, Sie seien jetzt Schriftsteller, ohne bisher Bücher geschrieben zu haben. Wie wichtig war diese erste Inszenierung?

«Das war absolut entscheidend. Ein Künstler zu sein, bleibt die Anmassung eines Einzelnen. Er kann nur hoffen, dass die Gesellschaft diese Anmassung akzeptiert und ihm die notwendige Anerkennung gibt. Aber es bleibt eine Behauptung.»

Bis heute?

«Ja. Es bleibt eine Lücke zwischen meinem Anspruch und dem Gefühl. Ich glaube, ich habe noch einige Dinge vor mir, bevor ich selbst das Gefühl habe, ein Schriftsteller zu sein.»

Sie verfolgen das Geschehen in der Schweiz mit Argusaugen. Was bekommen Sie vom Wallis mit?

«Die Walliser haben eine grosse Präsenz im öffentlichen Bewusstsein der Schweiz. Man staunt immer wieder über die besondere Identität des Wallis. Zuletzt über die demokratische Massregelung einer gewissen politischen Strömung und der Hinweis, dass in der Politik nicht alles möglich ist und es Grenzen gibt. Das hat uns alle stolz gemacht.»

 

Lukas Bärfuss liest in Brig

Bekanntheit erlangte Lukas Bärfuss zuerst durch sein dramatisches Werk und Stücken wie «Meienbergs Tod» über den bekannten Journalisten Niklaus Meienberg und «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern». Seinen ersten Roman «Hundert Tage», der sich mit dem Völkermord in Ruanda befasst, veröffentlichte er im Jahr 2008. Sechs Jahre später folgte der Roman «Koala», der den Suizid seines Bruders thematisiert. Mit diesem Roman gewann er den Schweizer Literaturpreis (2014). Für kontroverse Diskussionen sorgte sein Essay in der FAZ mit dem Titel «Die Schweiz ist des Wahnsinns». Am Dienstag, 16. Mai, um 19.30 Uhr liest Lukas Bärfuss in der Buchhandlung Zur Alten Post in Brig aus seinem lange erwarteten neuen Roman «Hagard».

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