«Wir müssen reden. Dringend.»

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Brig-Glis | Wo Spiel zu Ernst wird, kann eine Menge Leid entstehen und die Antwort der Schuldfrage im Nichts verschwinden lassen.

 

«Ich ha vor gar nix Angscht», behauptet das 14-jährige Mädchen Dvori. Cool und mit grosser Klappe will sie bei den vier älteren Jungs Eindruck machen und sich vor allem bei Assaf ein gutes Bild erschaffen. Das Halbpubertären-Quartett lässt sich wiederum nicht zweimal bit -ten, diese vorlaute Behauptung zu überprüfen. Was mit Bier auf ex beginnt, endet schliesslich in einer Vergewaltigung.

Passieren könnte diese Geschichte überall. Die israelische Autorin Edna Mazya rekurriert aber trotzdem auf einen realen Fall in ihrem Heimatland: Elf Jugendliche missbrauchten 1988 mehrfach ein Mädchen. Nach dem ersten Prozess waren alle Täter freigesprochen. Am vergangenen Donnerstag feierte das daraus entstandene Stück «Die Schaukel», gespielt vom Jungen Visper Theater, Premiere im Briger Kellertheater.

Ausgefeilte Manipulation

Die Dynamik in der Gruppe verspricht von Anfang an nur Ungutes. Dvori (Sanne Gruber) will den Älteren auf Augenhöhe begegnen, die Jungs wiederum nutzen ihre reifere Stellung aus und beginnen sie mit bösen Hintergedanken zu manipulieren. Der in Dvori vernarrte Shmulik (Nicolas Werlen) ahnt Ungutes und warnt sie davor, dass die anderen sie nur flach legen wollen. Sie hingegen schlägt Shmulik und dessen Warnungen in den Wind. Die manipulativen Spielchen Assafs (Sandro Werlen) und dessen machtergreifender Blick gehen unter die Haut. Gerade weil man weiss, wie die Sticheleien enden.

Irritierend wirkten in gewissen Momenten die Reaktionen des Publikums: Trotz der Tragik sorgte die brutal-vulgäre Sprache der Jugendlichen für ein paar Lacher zu viel. Doch die das Stück begleitenden, repetitiven Videoprojektionen schafften es, die Gefühlsebene des Opfers zu erweitern, die Heiterkeit zu durchbrechen und die Gewalt deutlicher und unumgänglicher zu thematisieren. Denn sie zeigten, was nicht gespielt werden kann: die brutale Tat.

«Wer die Macht hat, trägt auch Verantwortung. Immer»

 

Auflösung der Opferrolle

Gespielt wird im Stück auf zwei Zeitebenen: der Verhandlung im Gerichtssaal und dem Verlauf des Tatabends. Das Gefährliche daran: Nach dem Umwerfen der schwarzen Talare und der Verwandlung zu Verteidigern und Anklägerin reden die vier Männer nicht minder se xistisch über die Staatsanwältin als die halbwüchsigen Rabauken mit der 14-Jährigen. Das zeigt auf raffinierte Weise: Das Spiel hört im Erwachsenenalter nicht auf und hält auch nicht vor Gericht an. In diesem Gerichtssaal wird Dvori denn auch ein zweites Mal vergewaltigt. Einem Vorwurfshagel muss sie standhalten, erklären, weshalb sie nicht geschrien und keine Verletzungen davongetragen hat. Dadurch droht Dvori den Anspruch auf die Opferrolle zu verlieren. Denn was im Inneren von Dvori während der Tat vor sich ging, zählt vor Gericht nicht als Tatbestand.

Zudem lassen Phrasen wie «Die Grundlage des Justizsystems ist das Gesetz, nicht die Gerechtigkeit» oder «Es ist doch nur ein Prozess und nicht unser Leben» das Publikum erschaudern. Und der Schuldspruch unterstreicht das Verwirrende zwischen Macht und Verantwortung. Das Stück verdeutlicht die traurige Wahrheit, dass es oftmals nicht um Gerechtigkeit geht und sich die Machtvollen der Verantwortung entziehen können.

 

Dreamteam #theater #dieschaukel #jungesvispertheater

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Gefährliche Gratwanderung

Die Anklägerin pointiert zum Schluss mit dem Ausspruch: «Wer die Macht hat, trägt auch die Verantwortung. Immer.» Die Umkehrung der Täter-Opfer-Rolle und die zunehmenden Schuldzuweisungen an die vergewaltigte Dvori stehen denn auch im Mittelpunkt des Stücks. Der Zuschauer muss wach bleiben, um sich immer wieder von Neuem über die Argumente der Anwälte zu em pören. Die Inszenierung von Johannes R. Millius schafft es, eine gefährliche Gratwanderung zu überschreiten. Sie beleuchtet die Opfersituation Dvoris kritisch, aber befreit sie zugleich von ihrer Mitschuld.

«Die Schaukel» ist ein Stück mit einer starken, schmerzenden Sogkraft. Der Zuschauer wird zum Schluss nicht mit dem Schuldspruch allein gelassen. Obwohl das Stück ohne moralischen Zeigefinger auskommt, fordert es zum Schluss zum Dialog auf: «Wir müssen reden. Dringend.»

 

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