«Dem Tod ins Gesicht lachen»

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Gampel / Zürich | Nach fünfjähriger Pause gibt es mit «Laune der Natur» ein neues Album der Toten Hosen zu hören. Im Interview verrät der Sänger Campino mehr dazu.

 

Letztes Jahr sass ich am Berliner Wannsee und habe den dazugehörenden Ärzte-Klassiker «Westerland» gehört. Campino, kürzlich habt ihr mit den Toten Hosen auch einen Song über den Wannsee veröffentlicht. Was macht den Mythos Wannsee aus?

«Tatsächlich ist es ganz nett da, das gebe sogar ich als Düsseldorfer zu. Wir fanden einfach das Wortspiel ‹Wannsee, wann seh’ ich dich endlich wieder?› gut und haben das Lied erst im Anschluss ausformuliert. Mit einem zwinkernden Auge ist es ein Seitenhieb auf Berlin, den ich mir als Düsseldorfer erlaube. Tatsächlich fühlen sich viele Leute an Die Ärzte erinnert, da sie den Wannsee auch mal erwähnt haben. Für die Fans gehört der Wannsee zu den Ärzten wie der Rhein zu uns.»

Das letzte Album war das erfolgreichste in der mittlerweile 35-jährigen Bandgeschichte. Ist es aus dieser Position schwieriger, sich an das Schreiben neuer Songs zu setzen?

«Von den Verkaufszahlen her war es vielleicht das erfolgreichste. Für uns zählen aber andere Kriterien. Eine Platte wie ‹Opium fürs Volk› zum Beispiel war genauso ein Kracher. Auf jeden Fall war ‹Ballast› eine unglaublich wichtige Scheibe und es freut uns riesig, dass sie den Menschen so gefallen hat. Von einer solchen Position aus ist es deutlich einfacher, wieder ins Rennen zu gehen und an einem neuen Album zu arbeiten. Was aber das Schreiben der Lieder angeht, werden die Regler immer auf null gestellt. Du sitzt wieder vor einem weissen Blatt, da helfen auch die alten Verdienste und Erfolge nichts.»

Der Song «Tage wie diese» hat Unmengen von Leuten Gänsehautmomente geschenkt. In welchem Moment hat Ihnen das Lied selber einen Gänsehautmoment beschert?

«Beim Aufstieg von Fortuna Düsseldorf. Nach einem harten Relegationsspiel gegen Hertha BSC kam das Lied aus den Boxen und das ganze Stadion hat mitgesungen. Vielleicht war es mehr die Tatsache, dass wir aufgestiegen sind als der eigentliche Song. Aber jenen Moment werde ich immer mit diesem Lied verbinden.»

Das aktuelle Album «Laune der Natur» ist wieder schneller, aggressiver und punkiger als sein Vorgänger: Liegt das an persönlichen Erlebnissen oder am Zeitgeist der Welt?

«Uns ist während der Entstehungsphase eines Albums nie bewusst, wie es am Ende wirken wird. Es darf keine Schere im Kopf geben; wir wollen uns austoben und die ganze Bandbreite muss erlaubt sein. Ungefähr sechs Monate vor der Veröffentlichung hatten wir rund 40 Stücke. Da gab es dann verschiedene Kriterien, weshalb ein Lied durch den Rost gefallen ist. Vielleicht war der Text nicht ganz rund, ein Stück klang zu schwach oder war einem anderen zu ähnlich. Insofern hätte die Platte auch sanfter ausfallen können, wenn andere Lieder den Weg in die finale Auswahl geschafft hätten.»

Das Album beginnt mit dem Tod des Managers und endet mit den Worten des 2016 verstorbenen langjährigen Schlagzeugers Wolfgang «Wölli» Rohde. Wie wichtig ist es Ihnen, solche Schicksale in Ihren Texten zu verarbeiten?

«Wir bringen Alben raus, wie andere Leute Tagebuch führen. Viel Inspiration schöpfen wir von eigenen Erfahrungen. Sicher spiegelt ein Songtext nicht eins zu eins unser Leben wider, es dient aber oft als Ideengeber für eine Geschichte. Mir ist wichtig, dass das Lied von jedem anderen Menschen auf seine eigene Weise interpretiert werden kann. Deshalb steht der Ursprung auch nicht mehr im Zentrum.»

«Für das Konzert von The Clash wäre ich barfuss nach London gelaufen»

Sie singen auf dem neuen Album auch über Ihren eigenen Tod – auf humorvolle Weise. Ist der Tod ein Grund, das Leben zu feiern?

«Überall wo Leben ist, ist immer auch der Tod mit im Raum. Das gehört einfach zusammen. Bei all den ernsten und traurigen Gedanken auf diesem Album fand ich es wichtig, dem Tod gleichzeitig ins Gesicht zu lachen. Es stimmt, dass wir ein Grab auf dem Düsseldorfer Südfriedhof für den Toten-Hosen-Clan gemietet haben. Der Witz an dem Lied ist die Vorstellung, dass jemand, egal wo er tot umfällt, im Sarg mit dem schnellsten Zug nach Hause gefahren werden will.»

Im Song «Pop und Politik» wehrt ihr euch gegen die Anfeindungen gegenüber engagierten Künstlern. Sollen sich Musiker mehr in Debatten und Diskussionen einmischen?

«Ich will nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Ich komme aus einer Generation, die Musik immer mit einer Haltung verbunden hat. Meine älteren Geschwister haben mir Lieder aus der Hippiekultur vorgespielt, von Bob Dylan bis zu Joan Baez und The Doors. Gesellschaftskritik stand da immer im Zentrum. So habe ich Musik verstanden und lieben gelernt. Ein Hit allein hat mir nie gereicht. Wenn der Künstler ein Vollidiot ist, will ich das Lied auch nicht mehr hören.»

Wieso ist diese Haltung verloren gegangen?

«Viele Bands fürchten sich heute vor Shitstorms und behalten deshalb ihre politische Meinung für sich. Das finde ich schade. Die moderne Streitkultur ist zu einer Riesenschreierei geworden. Jeder, der politisch Stellung bezieht, wird von der Gegenseite auf übelste Weise attackiert. Der vermeintliche Schutz der Anonymität erlaubt sehr viel. Müsste jeder Mensch zu seiner Meinungsäusserung auch aufstehen und sein Gesicht zeigen, wären die Kommentare mit weniger Gift versehen.»

Auf dem Album gibt es natürlich auch Liebeslieder, aber ohne Happy End. Gibt es keine Liebe ohne Leid?

«Die unglücklichen Lieben bieten die spannenderen Geschichten. Gute Erlebnisse beschäftigen uns nicht auf die gleiche Weise. Wir grübeln über Dinge, die schiefgegangen sind, die in uns bohren und schmerzen. Da wird es für mich als Geschichtenerzähler spannend. In der Tat habe ich bereits seit einigen Jahren vor, ein Liebeslied zu schreiben, das ganz ohne Leid auskommt. Es ist mir einfach noch nicht gelungen.»

Welcher Punk-Moment hat Sie am meisten geprägt?

«Ob etwas Punkrock ist oder nicht, beschäftigt mich gar nicht. Der Tag, an dem ich AC/DC mit Angus Young und Bon Scott gesehen habe, war mir genauso wichtig wie der Moment, an dem ich The Clash auf der Bühne erleben durfte. Für Letztere wäre ich barfuss zum Auftritt nach London gelaufen. Ich hatte Tränen in den Augen, als das Konzert mit dem Song ‹London Calling› losging. Aber das Schönste ist vielleicht, dass ich durch den Punkrock diese Freunde getroffen habe, mit denen ich noch heute auf der Bühne stehe. Das hat mein Leben geprägt.»

Ihr spielt immer wieder ganz spezielle Konzerte in den Wohnzimmern eurer Fans: Ist das eine Hommage an eure Fans oder eine Absage an die Kommerzialität von Stadionkonzerten?

«Jeder Tag, jeder Ort ist komplett anders. Die Wohnzimmerkonzerte sind eine ideale Übung, einer Routine zu entfliehen und von Neuem zu lernen, was Improvisation bedeutet. Es fühlt sich an, als wäre man auf einer guten Party eingeladen, auf der es tierisch abgeht. Das gibt uns extrem viel und auch die Fans haben riesigen Spass.»

«Viele Bands fürchten sich vor Shit storms und behalten ihre politische Meinung für sich»

Wie oft kommt dabei die Polizei?

«Das kommt natürlich vor, aber hält sich im Rahmen. Auf dieser Tour vielleicht fünf Mal. Wenn uns die Polizei heute sieht, überlegen sie sich drei Mal, ob und wie sie eingreifen. Sie wissen, dass es am nächsten Morgen in der Presse stehen könnte. Niemand hat gerne den Scheinwerfer auf sich gerichtet.»

 

#Konzert #2013

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Von den Wohnzimmern geht es bald auf die grossen Festivalbühnen. Wie ist das für euch?

«Wie es sich anfühlen wird, kann ich jetzt noch gar nicht sagen. Mehrere Monate nach dem letzten Konzert kann man dieses Bühnengefühl gar nicht mehr so genau fassen. Das weiss man erst wieder, wenn man dort oben steht.»

Ihr habt schon mehrmals in Gampel gespielt – im August ist es wieder so weit. Vom Gampel-Publikum werdet ihr jeweils als Lieblingsband gewählt. Woran liegt das?

«Festivals haben eine eigene Seele und einen ganz speziellen Spirit. In Deutschland sind wir oft bei Rock am Ring und in der Schweiz hat sich mit Gampel eine spezielle Bindung ergeben. Man verlässt sich darauf, dass es krachen wird, und wir wissen vom Publikum, dass die Feierlaune unglaublich ist. Der Gedanke an Gampel weckt bei uns eine ungeheure Vorfreude.»

Was ist das Spezielle an Gampel?

«In Gampel herrscht eine besondere Energie – nicht nur bei unserer eigenen Show. Das Publikum feiert einfach das gesamte Wochenende durch. Obwohl es ein riesiges Festival ist, bleibt es trotzdem eine familiäre Sache. Das macht uns unglaublich Spass.»

In einem sehr witzigen Onlinevideo müssen Sie Ihren Auftritt in Gampel wieder absagen und Sie wollen das Campino-Double «Helmut» nach Gampel schicken. Wie war der Auftritt als Helmut?

«Das war gar nicht ich, das war wirklich mein Double. Und wer weiss, ob wir diesen Helmut überhaupt wieder loswerden und er nicht plötzlich in Gampel auftauchen wird.»

Und wer spielt das Konzert – Campino oder Helmut?

«So wie ich es mitbekommen habe, freut sich Helmut bereits auf diesen Auftritt.»

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