«Gleichzeitig tanzen und weinen»

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Bern / Leuk | «Traktor kestar» spielt treibenden Balkan Brass. Bandleader Balthasar Streit über seine Faszination zur Balkan-Musik.

 

Balthasar Streit, wie viel Balkanblut fliesst durch Ihre Adern?

«Null Prozent. Ausser meine Eltern hätten mir etwas verschwiegen. Die Verbindung erfolgt durch die Musik.»

Welches Erlebnis hat Sie in den Balkan-Bann gezogen?

«Ich hatte ein paar CDs von serbischen Blaskapellen. Im Book let begegnete mir ein Festi- val namens Gu?a – ein riesiges Fest für Blasmusik in Serbien. Aber nicht Blasmusik, wie wir sie kennen, denn serbische Blasmusik ist Tanzmusik. Als 18-Jähriger fuhr ich dann dorthin.»

Was hat Sie begeistert?

«Diese enorme Energie, sowohl auf der Bühne wie im Publikum. Diese pumpenden Beats des Balkan Brass haben mich enorm beeindruckt. Da steckt extrem viel Melodie und Euphorie drin.»

Und dann kam die Bandgründung?

«Ja, am Anfang des Studiums gründeten wir eine Ad-hoc-Band. Und zwar mit dem Ziel, irgendwann in Gu?a zu spielen.»

Der Traum hat sich erfüllt.

«Ja, und zwar sehr schnell. Im Jahr 2008 haben wir uns getroffen, viel geprobt und irgendwie eine Demo aufgenommen. Ein Jahr später standen wir bereits auf dieser Bühne vor mehreren Zehntausend Zuhörern. Zuvor hatten wir nur an einem Grillfest im Galgenfeld und auf dem Vorplatz der Reitschule zwei kleine Konzerte gespielt.»

Diese Faszination für die Balkan-Musik hat nicht nur euch erreicht, sondern in der ganzen Schweiz einen kleinen Hype ausgelöst.

«In den Nullerjahren war das eine regelrechte Welle. Zu un serer Anfangszeit war die Welle gerade auf dem Höhepunkt. Für uns war schnell klar, dass wir nicht nur auf Balkan-Partys spielen wollen, sondern an Festivals, Klubkonzerten und Privatanlässen.»

Und auf serbischen Hochzeiten?

«Gerade am Anfang es sich sehr schnell rumgesprochen, dass wir als Schweizer am Gu?a-Festival spielten. Darauf folgten viele Einladungen auf serbische Hochzeiten in der Schweiz. Das waren natürlich immer riesige Feste, die uns viel Spass bereitet haben.»

Versteht ihr euch als Missionare der Balkan-Musik?

«Nein. Aber wir konnten unsere Musik an mehr als 400 Kon zerten präsentieren. Das ist ein grosses Privileg. In einem Hilfsprojekt reisten wir sogar in die Dominikanische Republik und unterrichteten dort Jugend liche. Eine Schweizer Band, die in der Karibik Balkan Brass spielt. Das war natürlich total verrückt.»

Mittlerweile ist die Welle gebrochen und mit dem neusten Album entfernt ihr euch von der Balkan-Musik. Das Draufgängerische weicht dem Kontrollierten. Ist das geplant?

«Geplant ist das nicht, mit der Zeit hat sich eine Eigendynamik entwickelt. Am Anfang habe ich viele Stücke transkribiert und versucht, die Songs nachzuspielen. Erst dann haben wir begonnen, eigene Stücke zu schreiben. Wir haben den Balkan Brass nicht mit der Muttermilch aufgesogen, wir haben einen völlig anderen Background, wir haben Jazz studiert. Die einzige Konstante ist die Besetzung, die ist immer noch traditionell wie in einer serbischen Blaskapelle. Die Energie und die Tanzmusik sollen bleiben. Melodisch und rhythmisch haben wir uns davon emanzipiert.»

Ihr integriert auch Elemente aus der Schweizer Musik. Wie gelingt euch der Spagat zwischen den Kulturen?

«Ganz einfach ist das nicht, das muss ich zugeben. Denn die meisten bekannten Stücke in der Schweizer Volksmusik sind in Dur und Balkan Brass ist in Moll.»

Trotzdem klingt ihr immer noch sehr klagend und habt eine tiefe Melancholie. Das Publikum hingegen ist in völliger Ekstase. Versucht das Publikum, die Emotionen aus dem Leib zu tanzen?

«Balkan Brass spielt damit. Auf der einen Seite gibt es das Rhythmische, diese pumpenden Beats – das ist der tänzerische Teil. Dann bringen die Bläser eine grosse Portion Melancholie. In der Kombination kann man gleichzeitig tanzen und weinen.»

Auf dem Balkan erfolgt die Bezahlung oftmals unmittelbar durch Ankleben von Geldscheinen an die Stirn der Musiker oder Hineinwerfen in deren Instrumente. Passiert euch das auch?

«Vor allem in den ersten Jahren und besonders in Serbien durften wir miterleben, wie sich das anfühlt. Während des Konzerts klebt plötzlich eine mit Spucke benetzte Note an deiner Stirn. Und abends im Hotel fliegen die Noten aus allen Orten. Eigentlich ist das ein hygienisches Desaster.» (lacht)

Ein Dutzend Musiker

Die zwölfköpfige Band «Traktorkestar» aus Bern erobert mit ihrem herz- und kopfzerreissenden Sound bereits seit fast zehn Jahren die Schweiz. Rund um den Bandleader und Trompeten-Spieler Balthasar Streit versammeln sich zwei weitere Trompeten, ein Alto- und ein Tenor-Saxofon, drei Posaunen, ein Helikon und drei Schlaginstrumente (Percussion, Bass Drum und Snare). Die studierten Jazz-Schüler haben ihr Publikum bereits in über 400 Konzerten in einen ekstatischen Tanzrausch versetzt. Am Samstag spielen sie um 20.00 Uhr am Kinderdorffest in Leuk.

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