«Die Krankheit beschäftigte mich pausenlos»

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Oberwallis | Katharina* konsultiert als schwangere Frau ihren Arzt und erhält die schockierende Diagnose: HIV-positiv. Seit 19 Jahren lebt sie mit der Krankheit.

 

Katharina, wie haben Sie sich angesteckt?

«Mein damaliger Freund hat mir das Virus übertragen. Ich weiss bis heute nicht, ob er von seiner Infektion wusste. Fragen konnte ich ihn nie, denn er ist untergetaucht.»

Er hat Sie allein gelassen?

«Ja. Als er erfahren hat, dass ich schwanger war, hat er sich aus dem Staub gemacht. Er hatte das Gefühl, das Kind sei nicht von ihm. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.»

Wie haben Sie von der Krankheit erfahren?

«Aufgrund der Schwangerschaft habe ich einige Routineuntersuchungen gemacht. Der Arzt rief mich an und sagte, ich solle dringend vorbeikommen.»

Da haben Sie noch nichts geahnt?

«Überhaupt nicht. Natürlich war ich besorgt, aber ich dachte, es gäbe Komplikationen mit dem Kind. Oder dass ich vielleicht Krebs habe.»

Der Schock sass wohl tief.

«Ich war extrem schockiert. Sofort sind mir tausend Gedanken durch den Kopf geschossen: Was geschieht mit dem Kind? Und was passiert mit mir?»

Reden hilft da wohl weiter?

«Zu Beginn habe ich mich verkrochen, alles in mich hineingefressen und nur wenig darüber gesprochen. Meine Familie hat es natürlich zuerst erfahren. Geredet haben wir aber wenig. Jeder hat versucht, seinen eigenen Weg zu finden, um mit diesem Schicksalsschlag umzugehen.»

Wäre es anders einfacher gewesen?

«Aus heutiger Sicht muss ich sagen, ich wäre froh gewesen, mehr zu reden. Durch die Sprachlosigkeit habe ich mich verkrochen. Und durch die Isolation bin ich psychisch krank geworden.»

Wie kriegt man die Kurve?

«Das erste Mal durchatmen konnte ich erst, als mein Sohn zweijährig wurde. Zwei Jahre lang wusste ich nicht, ob mein Kind ebenfalls HIV-positiv sein wird. Das war eine enorm schwierige Zeit und hat mich stark belastet. Heute ist mein Sohn gesund und HIV-negativ.»

Mitte der 1990er-Jahre gab es sehr viele aidsbedingte Todesfälle. Hatten Sie Angst zu sterben?

«Sicher hatte ich Angst zu sterben. Ich habe mir einfach gewünscht, dass ich das irgendwie durchstehe. Ich wollte mindestens solange überleben, bis mein Sohn die Schule beendet hat.»

Wie leben Sie heute?

«Eigentlich fühle ich mich so weit gesund. Meine Virenlast ist so tief, dass sie im Blut nicht mehr zu sehen ist. Arbeiten kann ich heute aber nicht mehr, da ich keinen Stress mehr ertrage.»

Und wie oft denken Sie an Ihre Krankheit?

«Früher beschäftigte mich die Krankheit pausenlos. Heute bin ich so weit, dass ich nicht mehr jede Stunde daran denke. Geht es mir aber nicht gut, schmerzt zum Beispiel etwas, dann denke ich natürlich an meine Krankheit.»

Mittlerweile gehen Sie zur Jugend an die Schulen. Hilft reden weiter?

«Ich bin psychisch krank ge worden, weil ich nicht mehr reden konnte. Die Gesellschaft darf HIV-Kranke nicht isolieren. Es wird ja auch nicht per Handschütteln übertragen. Ich will bei den Schülern etwas bewirken. Reden ist für mich wie eine Therapie.»

Was erreichen Sie bei den Schülern?

«Da die Aidstoten stark zurückgegangen sind, haben einige Jugendliche das Gefühl, mit den Medikamenten werde wieder alles gut. Diejenigen will ich aufrütteln: Wollt ihr euer ganzes Leben lang Tabletten schlucken? Und mit den Nebenwirkungen zu kämpfen haben?»

Finden Sie, dass immer noch zu wenig über HIV und Aids geredet wird?

«Absolut. In gewissen Schulen wird das viel zu wenig thematisiert. Die Krankheit ist ansteckend, das muss jedem bewusst sein. Deshalb darf HIV auf keinen Fall ein Tabuthema sein.»

* Auf Katharinas Wunsch wurde auf ein Foto und die Nennung ihres Nachnamens verzichtet.

 
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