Ein Kampf für das eigene Dorf

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Kippel | Rund 160 Statisten standen am ver gangenen Mittwoch für die Dreharbeiten der Thrillerserie «Capelli Code» im Einsatz. Der WB schlüpfte für einen Tag in die Rolle eines Demonstranten.

Szene 77/2, Klappe die erste: Der Dorfpräsident tritt vor das aufgebrachte Volk. In einer emotionsgeladenen Rede spricht das Gemeindeoberhaupt den Dorfbewohnern aus der Seele und redet ihnen Mut zu, sich zu wehren. Eine geplante Staumauer, das Pendant zur Grande Dixence, soll das Lötschental mitsamt dem Kirchturm von Kippel unter Wasser setzen. Selbstredend lehnt sich die gesamte Bevölkerung gegen dieses Vorhaben auf – unter Einsatz von allen Mitteln. Trotz aller Warnungen muss die angerückte Polizei den Kirchplatz nun definitiv räumen. Demonstranten, Dorfbewohner und das Spezialkommando prallen aufeinander – bis die Situation eskaliert.

Sinn fürs Detail

Ein Tag als Statist vor der Kamera. Neben ein paar Primarschultheatern beschränkt sich meine Erfahrung mit Schauspiel und dem Medium Film eher auf: Ich sitze mit einer Tüte Popcorn auf einer bequemen Couch und schaue einen Film. Mein erstes Fazit als Statist: Wer an den Dreharbeiten des Fernsehthrillers «Capelli Code» teilnimmt, muss früh aus den Federn, sehr geduldig sein und zu vollem Körpereinsatz bereit sein.

Bereits um 7.00 Uhr trudeln rund 160 Freiwillige aus nah und fern in die Turnhalle von Kippel ein. Und das lange Warten beginnt. Etwa zwei Stunden dauert es, bis jeder Statist sein passendes Kostüm gefunden hat. Während die Schlange vor der Maske immer länger wird, bekomme ich Kampfstiefel, einen Overall, einen Gürtel mitsamt Schlagstock, Handschellen und Pistole in die Hand gedrückt. Als Teil eines Sondereinsatzkommandos soll es meine Aufgabe sein, die aufgebrachten Dorfbewohner zu beruhigen und den Kirchplatz zu räumen.

Bei der ersten Versammlung auf dem Filmset vor der Kippeler Kirche bemerkt die Regie, dass das Verhältnis zwischen den Dorfbewohnern, die entweder als alternative Protestler oder als urchige Trachtenträger verkleidet sind, und der Polizei nicht stimmt: «Wir brauchen mehr Demonstranten!», ruft die Regieassistentin. Rund ein Dutzend Polizisten wird abkommandiert, und erneut heisst es, ein passendes Outfit zu finden. Mit einem überaus grossen Sinn fürs Detail kleiden die Kostümbilderinnen die Polizisten innert kürzester Zeit neu ein. Da die zu drehende Szene Mitte der 1990er-Jahre spielt, müssen alle zu modern wirkenden Accessoires wie Brillen, Uhren, Schuhe oder Mobiltelefone abgegeben werden. Eine halbe Stunde später stehe ich in Birkenstock-Sandalen, einer alten Secondhand-Hose und einem seidenen Hemd zurück am Set. Dort erteilt die Regie den Dorfbewohnern bereits die ersten Anweisungen: «Ihr müsst aufgebracht wirken. Euer Dorf wird euch gestohlen!»

Die berühmte Klappe

Zunächst fühlt sich dieser Auftrag noch befremdlich an. Doch schon nach den ersten Probedurchläufen und besonders nach dem empathischen Auftritt des Präsidenten ist man voll eingetaucht in die Geschichte. Gespielt wird das Dorfoberhaupt von Jochen Nickel, einem Vollprofi, der bereits in mehreren Tatort-Episoden und Kinofilmen wie «Schindler’s Liste» mitgespielt hat. Zwischen den ersten Probedurchläufen verschwindet Nickel immer wieder in der Kirche, um wieder vollkommen in seine Rolle einzutauchen. Die Regie richtet die Statisten immer wieder neu aus, Spiegel rund um das Set bringen das Licht an den rich- tigen Ort, und aus Fässern qualmt Rauch.

Und nun endlich höre ich die berühmten Worte auf einem Filmset: «Ton bereit?» «Ton bereit!» «Szene 77/2, Klappe die erste!» Die Kameras richten sich auf die Filmklappe und der Schlag folgt. Aus drei Richtungen bestätigen die Kameramänner mit «Set!» und das Startsignal «Bitte!» folgt. Ab diesem Moment sind die rund 160 Statisten und die Handvoll Profischauspieler in voller Konzentration und horchen den Worten des Dorfpräsidenten. Die Emotionen des authentisch auftretenden Präsidenten schwappen auf das Volk über, selber spüre ich die existenzielle Angst der Lötschentaler in mir aufkommen und halte ein Demonstrationsschild in die Luft. An den wichtigen Stellen der Ansprache nicke ich, zum Schluss schreie ich mit den aufgebrachten Demonstranten: «Niemals!» Die Dorfbewohner wollen sich nicht vertreiben lassen, klatschen wie wild. Die Menge tobt.

Die Szene dauert etwas mehr als eine Minute. Drei Kameramänner filmen sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Nach dem ersten Cut ist die Regieassistentin zwar bereits zufrieden, immer neue Dinge fallen ihr jedoch auf, die noch verbesserungswürdig sind. Deshalb: «Klappe die zweite.» Bei jedem neuen Versuch drehen die Kameras aus einem anderen Winkel, einmal über die Schulter des Dorfpräsidenten, das andere Mal aus der Perspektive des Volkes. Neun Mal wird diese erste Szene gedreht, dazwischen immer wieder Warten und plötzlich wieder eine Minute in höchster Konzentration.

Acht Stunden Arbeit und fünf Minuten im Kasten

Nach dem euphorischen Abgang des Präsidenten folgt die zweite Szene des Drehs. Dafür kommt nun auch die Polizei zu ihrem Einsatz. Unter Anleitung lernen die Statisten spezielle Kommandos ein, um die Dorfbevölkerung und den Kirchplatz wie auf einer echten Demonstration zu räumen. Die Dorfbewohner jedoch wollen für ihr Dorf kämpfen. Zunächst singen sie friedlich das Kirchenlied «Grosser Gott, wir loben dich». Nachdem die Protestler mit Sitzstreiks den Platz weiterhin besetzen, rückt die Polizei gar mit Wasserwerfern an. Die Situation eskaliert. Ein blutverschmierter Protestler geht mit zornverzerrtem Gesicht auf einen Polizisten los und will Rache. Leuchtfackeln färben den Platz mit zusätzlicher Explosivität ein. Rauch strömt aus Fässern und nebelt den ganzen Platz ein. Geschrei und Schläge auf die Schutzschilde sind zu hören. Eine Trillerpfeife und ein lautes «Cut!». Der Radau lässt nach. Aus den Gesichtern der Statisten weicht die Wut einem Lächeln. Acht Stunden standen die Statisten zunächst in der heissen Sonne, dann im Regen und zum Schluss unter dem Strahl eines Wasserwerfers. Ein strapazierender Tag geht für die Laienschauspieler zu Ende. Und im Kasten sind fünf Minuten «Capelli Code».

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