Ein Sprung ins Nichts

Schreibe einen Kommentar

Niouc | Angstschweiss, weiche Knie, ein rasendes Herz und eine Menge Adrenalin. Wer den 190-Meter-Bungee-Sprung in Niouc wagt, sichert sich Eindrücke für die Ewigkeit.

«Fünf, vier, drei, zwei, eins!» In einer ohrenbetäubenden Lautstärke schreit mir Catherine diese Worte in mein Ohr. Ihr allein habe ich heute mein Leben anvertraut. Ich stehe auf einer schmalen, beinahe hundert Jahre alten Brücke. Mein Blick geht zwischen zwei Felswänden in Richtung Val d’Anniviers. In anderen Momenten könnte ich diesen Ausblick gewiss geniessen. Heute nicht. Entgegen der Anweisung der Instruktorin geht mein Blick nach unten. Vor meinen Zehenspitzen ein grosses Nichts. Und nach 190 Metern ein Auffangnetz.

 
 
Innere Stimme besiegen

Wer hat die Frage noch nicht beantwortet? Würdest du irgendwann mal Bungee Jumpen? Für mich selbst war die Antwort immer ein klares «Ja». Ab dem Zeitpunkt, als ich meinen Termin für diesen existenziellen Sprung fixiert habe, ist meine Überzeugung ins Wanken geraten. Bereits die reine Vorstellung am Vorabend des Sprungs lässt meinen Puls steigen. Morgen werde ich also auf dieser Brücke stehen, gesichert mit einem Seil und freiwillig (!) in die Tiefe springen. Wer hat sich denn so was komplett Verrücktes ausgedacht?

Diese Frage beantwortet mir am nächsten Tag meine Instruktorin Catherine Schlienger: «Die ursprünglichste Variante geht wohl auf die Pfingstinseln im Pazifischen Ozean zurück», meint sie. «Dort gibt es ein Ritual, bei dem sich angehende Männer von einem 30 Meter hohen Holzturm stürzen, um definitiv zum Mann zu werden.» Deren Füsse seien an Lianen festgemacht und meist schlagen sie mit ihrem Körper gar auf dem Boden auf. Ein Initiationsritual ist es bei mir zwar heute nicht, trotzdem muss ich die innere Stimme in meinem Kopf besiegen, um den Sprung in die Tiefe zu wagen.

Wer zögert, springt nicht

Sechs Wagemutige stehen auf einer kleinen Plattform inmitten der Hängebrücke. Die einen schauen selbstsicher und mit einem Lächeln über das Geländer, die anderen halten sich mit beiden Händen fest und folgen konzentriert den Anweisungen der beiden Instruktoren. Obwohl ich keine Höhenangst habe, gehöre ich im Moment zu Letzteren.

Der erste Sprung. Mit einem Freudenschrei springt eine junge Unterwalliserin mit weit ausgespreizten Armen in die Tiefe. Der Mut der zweiten Kandidatin jedoch verschwindet in den Sekunden vor dem Absprung komplett aus ihrem Gesicht. Ihr ganzer Körper zittert. Der Instruktor redet ihr zu. Immer wieder geht ihr Blick nach unten. Sie ist den Tränen nahe. Nach rund einer Minute wagt sie den einen entscheidenden Schritt und fliegt im freien Fall nach unten.

«Willst du die Freiheit?»

Nun winkt mich Catherine zu sich. Sie bindet mir zwei Schnallen um die Füsse, zieht mir einen Klettergurt an und erklärt mir nochmals das Wichtigste. Dem letzten Springer vor mir darf ich gar nicht mehr zusehen. Die Wartezeit, bis er wieder hochgezogen wird, zieht sich dahin. Catherine plaudert munter weiter: «Du fliegst 160 Meter nach unten. Wenn du schön springst, schaffst du einen Rebound von bis zu 100 Metern. Also spring richtig weit von der Plattform weg!» Obwohl ich den anderen Ausführungen vor Nervo sität kaum folgen kann, brennen sich diese Zahlen bei mir ins Gedächtnis ein.

Nach drei zögernden Schritten stehe ich am äussersten Rand der Plattform. Spätestens jetzt spürt Catherine meine Nervosität: «Nicht nach unten schauen», sagt sie in einem forschen Tonfall. «Atme ruhig!» Beim Blick nach unten verdoppelt sich mein Puls. «Was mache ich hier?» Ein beinahe stummes Schimpfwort wandert über meine Lippen. Mein ganzer Körper vibriert. «Bist du bereit?» fragt Catherine. Ich retourniere ein zögerndes «Jein…».

«Willst du die Freiheit?», schreit mir Catherine ins Ohr. Darauf folgt der Countdown: «Fünf, vier, drei, zwei, eins!» Ohne einen einzigen Gedanken zu verlieren, gehe ich bereits bei «eins» in die Knie und springe bei «Jump!». Eine Sekunde lang fliege ich mit ausgebreiteten Armen in der Waagrechten, dann dreht sich mein Körper und ich fliege kopfüber nach unten. Das Auffangnetz kommt in rasender Geschwindigkeit immer näher. Alles, was ich höre, ist der vorbei rasende Wind an meinen Ohren. Ohne es zu wollen, lasse ich einen Schrei ertönen. Sechs, sieben Sekunden fliege ich dem Boden ent gegen. Für einen zweiten Schrei fehlt mir die Puste. Zuallerunterst stehe ich für einen Moment fast still, bevor die Elastizität des Seils mich wieder rund 100 Meter in die Luft katapultiert. Mein Körper fliegt wild umher, oben und unten werden zu nicht zuordenbaren Kategorien. Nach ein paar Sekunden stehe ich für einen Moment komplett still, dann geht es wieder in freiem Fall nach unten.

Nach dreimaligem Rauf und Runter hänge ich kopfüber am Seil, schaue zu meinen Füssen und ziehe an dem Seil, um mich in Sitzposition zu bringen. Eine Boje kommt langsam auf mich zu. Nach einer gefühl- ten Ewigkeit klinke ich mich mit dem Ka- rabiner in die Boje ein. Inmitten dieses Nichts hänge ich zwischen den Felswänden. 160 Meter über mir sehe ich die rote Brücke. Das Adrenalin pumpt. Eine völlig absurde Situation. Das Seil beginnt mich langsam hochzuziehen. Mein Herz schlägt immer noch wie wild. Und ich strahle über das ganze Gesicht.

 
Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.