Ein tropischer Gast

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Leuk | Der tropisch anmutende Bienenfresser brütet wieder vermehrt in der Schweiz. Fast die Hälfte aller schweizweit vorkommenden Bienenfresser brüten in den Leukerteichen.

 

Ornithologen sind Frühaufsteher. Mit dem Stativ auf der Schulter und dem Fernglas in der Hand machen wir uns vom Turtmänner Bahnhof Richtung Leuk auf. Unser Ziel: die Bienenfresser. Dieses rare Juwel reist seit einigen Jahren ins Wallis, um hier zu brüten. Dafür legt es aus dem Gebiet rund um den Kongo eine Strecke von rund 3500 Kilometern zurück. In den nächsten Tagen oder Wochen nehmen die Bienenfresser mitsamt der Jungvögel die Reise wieder auf sich, um in Afrika zu überwintern.

Schon auf dem Weg zu den Leukerteichen richtet der Vogelkenner Lukas Venetz meinen Blick auf den einen oder anderen Vogel. Er stoppt und zeigt mit dem Finger auf einen Baum: «Hinter dieser Baumreihe kannst du einen Graureiher sehen. Und über uns kreist ein Schwarzmilan.» Ein paar Hundert Meter vor den Leukerteichen: «Die Bienenfresser sind noch hier. Hörst du sie?»

Population steigt an

Kurz darauf stehen wir auf einem leicht erhöhten Aussichtspunkt und blicken durch die Schlitze der Beobachtungsstation. Und da sind sie: Über den Teichen ziehen farbenprächtige Vögel ihre Bahnen. Goldgelb, grünblau, eine helle Stirn und ein schwarzer Augenstrich: Der Vogel mit einer Spannbreite von rund 45 Zentimetern ist ein echter Hingucker.

Immer wieder landen die Bienenfresser in den Erdhöhlen und füttern den Nachwuchs. Dafür seien nicht nur die Eltern zuständig, sondern auch die noch nicht geschlechtsreifen Vögel, erklärt Venetz. Im Frühling, meistens auf den Tag genau am 9. Mai, fliegt der farbenprächtige Vogel in Leuk ein. Er ist der einzige europäische Vertreter einer weitgehend auf die Tropen und Subtropen der Alten Welt beschränkten Familie. Früher zeigte sich dieses fliegende Juwel nur selten, heute brütet er regelmässig in der Schweiz. Zum ersten Mal brütete der Bienenfresser hierzulande im Jahr 1991. Ein Jahr später zum ersten Mal in Gampel und seit 2010 bis heute in den Leukerteichen. Im Laufe der letzten Jahre entstand in Leuk die grösste und bedeutendste Bienenfresser-Kolonie der Schweiz.

2016 zählte man schweiz weit 72 Brutpaare dieses Vogels, rund die Hälfte davon brütete in Leuk. Die Population entwickelt sich positiv, ist aber auf der Roten Liste der Schweiz immer noch als «stark gefährdet» eingestuft. Weshalb sich die Population in den letzten Jahren vergrössert hat, sei nicht so einfach zu beantworten. Obwohl es schwierig zu beweisen ist, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach wohl mit der Klimaerwärmung zu tun haben. Denn umso länger es im Sommer sonnig ist, desto besser ist der Bruterfolg.

Renaturierung verantwortlich

Die Leukerteiche sind Überbleibsel eines Altarms des Rottens. Aufgrund der errichteten Autobahn A9 mussten im Leukerfeld einige Ersatzmassnahmen vollzogen werden. So vergrösserte man in einer zweiten Etappe in den Jahren 2007/2008 die Wasserflächen und errichtete Steilwände am Teich. «Die Steilwände baute man ursprünglich, um den Eisvogel als Zielart anzulocken. Die zusätzliche Kolonie der Bienenfresser war natürlich eine tolle Überraschung» sagt Alain Jacot, Mit- arbeiter der Vogelwarte Sempach.

Da in kanalisierten Flüssen keine Prallhänge mit Steilwänden mehr gebildet werden, ist der Eisvogel in der Schweiz selten geworden. Sowohl vor als auch nach der Renaturierung sei der Eisvogel im Gebiet anzutreffen gewesen. «Durch die Massnahmen an den Teichen konnten zudem der Drosselrohrsänger als Brutvogel und alle in der Schweiz vorkommenden Reiherarten, zum Beispiel Rallenreiher, Kuhreiher, Seidenreiher, Purpurreiher und Nachtreiher, als Durchzügler gefördert werden», erklärt Jacot weiter.

Nach einer Brutdauer von 20 Tagen und einer Nestlingsdauer von 20 bis 25 Tagen sind die jungen Bienenfresser flugfähig. Schon bald werden die Kosmopoliten der Lüfte zusammen mit ihren Jungen ihre Sommerresidenz verlassen, über Südspanien das Mittelmeer, später die Sahara überqueren, um in wärmeren Gefilden zu überwintern. Nächstes Jahr, vielleicht wieder am 9. Mai, werden die Ornithologen in Leuk ihre Ferngläser in die Ferne richten – auf der Suche nach dem tropischen Gast.

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