Schmelzende Archive

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Zermatt | Schmelzen die Eisriesen dahin, geben sie die Vergangenheit frei. Bei einer Tour auf dem Oberen Theodulgletscher fanden Gletscherarchäologen am vergangenen Mittwoch ein jahrhundertealtes Maultier. 

Das Geräusch von Steigeisen durchbricht die Stille. Mit Windjacke, Klettergurt, Rucksack und Eispickel bepackt, begeht eine Vierergruppe den Oberen Theodulgletscher. Eine einzige Wolke zieht an der Spitze des Matterhorns vorbei. Die blauen Bügel des Skilifts baumeln im Wind. Es könnte eine Gruppe von Gletscherwanderern sein, doch ihr Gang ist langsam und ihr Blick auf den Boden gerichtet. Meter für Meter durchforsten vier Archäologen den schmelzenden Riesen und stossen dabei auf eine grosse Menge interessanter Gegenstände. Was nicht überrascht, denn der Theodulpass war in der Vergangenheit einer der wichtigsten Handelspässe zwischen Nord und Süd. Sowohl die Römer wie auch neuzeitliche Händler überquerten mitsamt Lastentieren den Alpenpass bei Zermatt.

Der Söldner, der kein Söldner war

Auf dem Weg Richtung Gondelbahn streckt Historikerin Sophie Providoli ihren Zeigefin- ger in Richtung Matterhorn und sagt: «Dort oben auf der Alp Her metje hat man Überreste eines ab der Zeit um 8000 vor Christus genutzten Unterstandes gefunden. Man stiess dort auf Feuerstellen, Kristallwerkzeug und Tonscherben.» Kurz darauf in der Gondelbahn witzeln die vier Forscher über einen möglichen Ötzi-Fund. Doch wie gross und bedeutend war die im Jahr 1991 von zwei Wanderern entdeckte Gletscherleiche eigentlich? «Die Chance, noch einmal einen Ötzi zu finden, ist unglaublich klein. Eine über 5000 Jahre alte, gut erhaltene Leiche – das ist ein unglaublicher und einmaliger Fund», sagt Providoli. Selbst der Fund des Söldners von Zermatt in den 1980er-Jahren, der bis heute eine der wenigen Gletscherleichen im Alpenraum geblieben ist, war dazu kein Vergleich.

«Die beiden Gletscherleichen haben den enormen Einfluss des Gletscherschwunds auf die Archäologie bewusst gemacht», betont Providoli. Und die darauffolgenden Forschungen machten aus dem sogenannten Söldner einen Edelmann um 1600. Dies vor allem wegen des mitgeführten Degens und einer kleinen, schönen Taschenpistole. «Mit einer solchen Waffe geht niemand in den Krieg», sagt Providoli.

Kleine, aber feine Unterschiede

So untersucht das vierköpfi- ge Forschungsteam, bestehend aus dem Archäologen Romain Andenmatten, Pierre-Jérôme Rey, der Archäozoologin Nicole Reynaud Savioz und der Kunsthistorikerin und Archäologin Sophie Providoli, auch in diesem Jahr wieder die Handelsroute über den Oberen Theodulgletscher.

Eispickel schlagen in das harte Eis, Splitter fliegen herum und ein zwanzig Zenti meter grosses, von Menschenhand bearbeitetes Holzstück kommt zum Vorschein. Organische Materialien wie Holz, Haut oder Leder sind für die Archäologen besonders interessant, da sie im Gletscher gut erhalten bleiben, im Boden hingegen verwesen.

Ein paar Meter weiter bücken sich Providoli und Rey über ein Stück Eisen, welches sich als ein Hufeisen aus dem 17. oder 18. Jahrhundert entpuppt. Providoli erklärt: «Bei Hufeisen gibt es eine Typologie. Hier haben wir einen schrä- gen Nagel und schräge Öffnungen. Das ist ein sogenannter Tafelkopfnagel und gibt uns die Gewissheit, dass das Hufeisen mindestens zweihundert Jahre alt ist.»

Während die Archäologen den unteren Teil des Gletschers systematisch abgesucht haben, geht es am Nachmittag an ein bestimmtes Ziel: Bereits im letzten Jahr wurden Knochenreste eines Tieres vermeldet, wegen Schneefalls musste die Bergung aber verschoben werden. Etwa 250 Höhenmeter oberhalb der Bergstation «Trockener Steg» wartet ein Maultier auf die Entdeckung der Forscher. Diese wiederum hoffen, dass sich die Überreste des Tieres einen Winter später noch an derselben Stelle befinden wie im Jahr zuvor.

Dutzende Knochen

Die Forscher werden nicht enttäuscht. Bereits von Weitem sticht der Kopf des Maultiers direkt ins Auge. Rundherum liegen Dutzende von Knochenteilen und ein paar Meter weiter unten ein 40 Zentimeter langer Beckenknochen. Wirbel, Rippen, Haare und Exkremente des Tieres sind über ein paar Quadratmeter weg. Rey fotografiert die Knochenteile, legt ein Mass daneben, um die ungefähre Grösse zu bestimmen. Mit einem kleinen Pfeil markiert er die Himmelsrichtung und notiert die genauen GPS-Koordinaten. Die Archäologen packen die wichtigsten Knochen ein, einige bleiben liegen. Da diese denjenigen von Pferden sehr ähnlich sind, nimmt man besonders die differenzierenden Knochen mit. Später will man über die Länge der Knochen die Grösse des Tieres bestimmen. Da nur männliche Maultiere Eckzähne besitzen und diese beim gefundenen Exemplar noch vorhanden waren, konnte die Spezialistin das Geschlecht bereits vor Ort feststellen.

Die Anordnung des Skeletts wird genauestens fotografiert, da diese Informationen zu einem späteren Zeitpunkt dienlich sein könnten. Das Alter wird später im Labor anhand des gefundenen Eisens bestimmt. Erste Einschätzungen deuten an, dass es aus dem 17. oder 18. Jahrhundert stammt.

Zum Schluss untersucht Andenmatten mit einem Metalldetektor die unmittelbare Umgebung der Fundstelle und das Gerät reagiert. Sein Kollege schlägt sorgsam mit einem Pickel auf das Eis und nach einigen Zentimetern entpuppt ein Aluminiumteilchen die Angabe als Fehlmeldung. Andenmatten nimmt die Enttäuschung gelassen: «In der Archäologie kann man nicht immer gewinnen.»

Für die Archäozoologin Reynaud Savioz war dies der zweite Maultier-Fund und sie hofft auf neue Erkenntnisse: «Das Maultier ist zwar ein emblematisches Tier für den Alpenraum, trotzdem wissen wir von seiner Geschichte noch sehr wenig», erklärt sie.

Ein gekühltes Archiv

Das Zeitfenster für die Bergung der frei gewordenen Gegenstände ist stets sehr klein und die Flächen extrem gross. Deshalb will Andenmatten in Zukunft stärker mit der Bevölkerung zusammenarbeiten. «Die wichtigste Zeit für die Gletscherarchäologie bricht an. Die nächsten 30 Jahre sind entscheidend. Nutzt man dieses Zeitfenster nicht, sind die Funde für immer verloren», erklärt Andenmatten. Und für diese Hilfe braucht es die Unterstützung und Sensibilisierung der Bevölkerung. Durch eine Applikation für das Smartphone sollen Wanderer in naher Zukunft Funde lokalisieren und die Archäologen mit Fotos versorgen können. «Es gibt viele Gletscher und viele Funde. Um das Wichtigste bergen zu können, müssen wir Prioritäten setzen und mit der Bevölkerung zusammenarbeiten», betont Andenmatten.

Was von der diesjährigen Prospektion auf dem Oberen Theodulgletscher übrig bleibt und was man daraus lernen wird, ist noch nicht klar. Wichtig sei jedoch, dass alle Funde genau dokumentiert sind. In den nächsten Tagen putzen und untersuchen die Forscher die gefundenen Holzstücke, Schuhsohlen, Hufeisen und Kieferknochen. Anschliessend wandert vieles davon in Archive, manches sogar in Kühlschränke und wartet dort gut gelagert auf spätere Untersuchungen. Und im nächsten Jahr gehen die Archäologen wieder aufs Eis. Denn die Gletscher schmelzen weiter und bringen immer mehr Vergangenheit zutage.

 
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