Hoch zu Ross wie Dschingis Khan

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Mörel | Mit Pfeil und Bogen von einem galoppierenden Pferd schiessen. Was früher die Krieger Dschingis Khans machten, hat sich zu einer exotischen Sportart entwickelt. Janusch Ittig reiste mit Pfeil und Bogen bereits um die halbe Welt und ist dabei in einer Jurte eines mongolischen Schamanen gelandet.

Der Nebel klebt auf der Wiese. Mit jedem Schritt bergauf zeichnet sich die Kontur einer Jurte stärker ab. Neben dem traditionellen Zelt steht ein junger Mann. Schulterlange Haare quellen unter seiner Wollmütze hervor. Hinter ihm steht auf der Wiese ein dunkelbraunes Pferd mit weissen Flecken. «Ihr Name ist Tokata. Tokata bedeutet Zukunft.»

Reitervölker als Vorbild

Eine Begrüssung später sitzt Janusch Ittig im Schneidersitz auf einem orientalischen Teppich. «Fast den ganzen Sommer habe ich in dieser Jurte übernachtet», sagt er. Tokata habe er früher immer geritten, bevor er von seinem Vater zu seinem 18. Geburtstag ein eigenes Pferd geschenkt bekommen hat. «Sechs Jahre lang hat mich Cante begleitet», sagt Ittig. «In diesem Frühling ist sie leider gestorben.»

Zu Beginn der Primarschule hat er Hasen und Zwergziegen gezüchtet. Sie waren sein Taschengeld. Sein Sommerjob. Und sein Vater ein Begleiter, der mit ihm zusammen Indianerlieder gesungen hat. Mit ihm hat er den Film «Der mit dem Wolf tanzt» angeschaut, sich in den Bildern der unendlichen Weiten der Mongolei verloren und sich für ursprüngliche Kulturen und Reitervölker interessiert. Im Rhonetal ritt er zusammen mit seinem Vater, noch bevor er laufen konnte. Und als Zehnjähriger schoss er seinen ersten Pfeil von dem Rücken eines Pferdes in einen Heuballen. Ganz nach dem Vorbild der mongolischen Reitervölker.

In seiner Jurte kocht er einen würzigen Tee auf. In der Mongolei reiche man seinem Gegenüber den Tee so, dass beide Arme sichtbar sind. So ist man sicher, dass man keine Waffe ziehen kann, erklärt er.

Plötzlich in einer schamanischen Zeremonie

Spontan hat er sich im letzten Jahr dazu entschieden, die fast 7000 Kilometer weite Reise auf sich zu nehmen, seinen Kindheitswunsch zu erfüllen, an einem Turnier im Berittenen Bogenschiessen in der Mongolei teilzunehmen und durch die unendlichen Weiten zu reiten. «Tagelang sind wir durch die Mongolei geritten, wie in einem wahr gewordenen Traum», sagt er begeistert, «Träume zu leben, macht das Leben aus.»

Am Turnier lernt Ittig einen gleichaltrigen Mongolen mit dem Namen Erdene kennen, der ihm die Natur, aber auch die Kultur näherbringt. Zusammen besuchen sie das Nationalmuseum in Ulaanbaatar. Vor einer Wachsfigur stehend fragt Erdene: «Weisst du, was das ist?» «Ein Schamane», gibt der Schweizer zurück. Als Ittig sein Interesse zeigt, beginnt Erdene zu erzählen und vertraut ihm an, dass er selber ein Schamane ist.

Bereits drei Tage später findet sich der junge Walliser in einer zeremoniellen Jurte mitten in der Mongolei wieder. Er isst getrockneten Quark, wie es an den Zeremonien der Schamanen üblich ist, während Erdene auf einer Schamanentrommel musiziert. Die Augen des jungen Mongolen verstecken sich hinter den Haaren einer schamanischen Maske. Er gähnt, hustet. Und steht plötzlich als ein anderer Mensch da. Gekrümmt, mit einer komplett anderen Stimme begrüsst er die Runde. Ein Ahne ist in den Körper Erdenes hineingetaucht und redet durch ihn zu den Gästen.

Ittig schaute der Zeremonie mit verblüfftem Gesicht zu: «Hätte ich die Zeremonie nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte ich es niemals für möglich gehalten.»

Meditation in Bewegung

Draussen vor der Jurte weicht der Nebel langsam der Sonne. Im Auto geht es Richtung Trainingsplatz. Aus den Lautsprechern dröhnt mongolischer Kehlkopfgesang. «Beim Autofahren versuche ich manchmal, mitzusingen. Als ich zum ersten Mal selber einen Ton rausbekommen habe, bin ich selber erschrocken», sagt Ittig.

Angekommen auf der 90 Meter langen Bogenbahn, begrüsst er die Stute, mit der er heute trainieren wird. Die Schweizer Meisterschaften wird er aber mit Tokata bestreiten. Nachdem er seinen Bogen gespannt hat, schiesst er sich warm. Ein Pfeil nach dem anderen zischt durch die Luft und landet auf der Zielscheibe mit rund einem Meter Durchmesser. Während des Reitens ziele man nicht wirklich, es laufe mehr intuitiv ab: «Ist man völlig im Jetzt, trifft man auch.» Beim ungarischen Wettkampf, bei dem auf drei Scheiben gezielt wird, fliessen sowohl Zeit als auch Treffsicherheit in die Wertung ein.

Er sattelt seine Stute, nimmt sie an den Zügeln und läuft mit ihr an den Start der Bogenbahn. Ruhig sitzt Ittig auf ihr, bis er sie anfeuert und sie blitzartig in den Galopp bringt. Er spannt den ersten Pfeil. Mit einem Zischen landet er auf der ersten Zielscheibe. Ein zweiter und ein dritter Pfeil folgen. In rund zehn Sekunden rauscht er über die 90 Meter lange Bogenbahn.

Auf die Frage, ob er den Ritt aus seiner Sicht beschreiben kann, antwortet er: «Der Run, den ich beschreiben kann, war sicher kein guter. Der perfekte Run ist unbeschreiblich.»

Beim Berittenen Bogenschiessen herrsche Harmonie zwischen Reiter und Ross, zwischen Reiter und Bogen und Harmonie mit dem Moment. «Bei den letzten Schweizer Meisterschaften habe ich mein Pferd ein Mal zu viel angefeuert.» Dieser Ehrgeiz hat ihn den Titel gekostet. Für die kommenden Schweizer Meisterschaften will er sein Ego zurückstecken. «Man muss nicht der Beste sein wollen. Man muss einfach sein Bestes geben.» Die Worte eines wahren Meisters.

CH-Meisterschaft

Am 21. und 22. Oktober finden in Mühlebach bei Ernen die Schweizer Meisterschaften im Berittenen Bogenschiessen statt. Die rund 20 Teilnehmer messen sich in den drei Disziplinen koreanisch, ungarisch und orientalisch.

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