Seinem Alter weit voraus

Schreibe einen Kommentar

Ardon/St. Gallen | In einem einzigen Jahr holte er sich die Matura. Nun studiert der Unterwalliser Thomas Praz an der Universität St. Gallen – und das mit sehr jungen 16 Jahren. Sein gewagtes Ziel für das Jahr 2018: aus 1000 Franken eine Million machen – um dadurch unabhängig zu werden.

Bahnhof St. Gallen, 10.00 Uhr morgens. Ein junger Mann in schwarzem Mantel und mit Lockenfrisur redet mit einem Greenpeace-Aktivisten. Er lässt sich nicht vollquatschen, sondern diskutiert engagiert, wedelt dabei mit der Brezel in seiner Hand, hält entgegen und schliesst mit dem Satz ab: «Ich bin noch zu jung, um zu unterschreiben.»

Mit frechen 16 Jahren studiert der Unterwalliser seit September an der renommierten Wirtschafts-Universität St. Gallen. Es gefällt ihm hier, gute Menschen, gute Bars und endlich eine Stadt – ganz im Gegensatz zu seinem Heimatdorf Ardon in der Nähe von Conthey. Währenddem wir die Treppen zum Rosenberg emporsteigen, auf dem sich die Hochschule ausbreitet, sitzen die Mitstudenten von Thomas Praz in dem Vorlesungssaal und schreiben die Worte des Rechtsprofessors mit. Dort war der 16-Jährige allerdings nur einmal zu Beginn des Semesters zu sehen: «In Vorlesungen lernt man nichts. Und Recht ist für mich einfach logisch.»

«Ich glaube nicht an dieses System. Kapitalisten lieben Katastrophen»

Thomas Praz, HSG-Student

Langeweile birgt Probleme

Vor dem Hauptgebäude der Universität stehen rauchende Studenten in der Sonne. Die meisten davon sind mindestens fünf Jahre älter als Thomas Praz. Ob er sich daran störe? «Nein, das ist überhaupt kein Problem. Sie wissen es ja auch nicht. Erfahren sie es dann, sind sie einfach nur überrascht.» Selber bezeichnet er sich nicht als «hochbegabt». Wenn ihn jemand auf sein Alter anspreche, sagt er einfach, er habe drei Schuljahre übersprungen. In der öffentlichen Schule war dies bei ihm aber nicht möglich. Das letzte Jahr der obligatorischen Schulzeit, also das erste der fünfjährigen gymnasialen Matura, machte Praz im Gymnasium Les Creusets in Sitten. Dort wollte er zu Beginn seiner Matura ein Schuljahr überspringen, am liebsten schon die ganze Matura in einem Jahr machen. Der Rektor liess es aber nicht zu. Das Überspringen von Schulklassen ist ein steter Verhandlungsprozess, sagt Hugo Berchtold vom kantonalen Amt für Sonderschulwesen. «Die Schule muss aber dazu bereit sein», sagt er weiter. Denn zunächst sei eine überdurchschnittliche Begabung eine Freude und werde erst zum Problem, wenn die Schüler stetig gelangweilt sind.

«Es ist nur Schule und Schule ist nichts Unmögliches»

Thomas Praz

Bei dem Unterwalliser war dies eindeutig der Fall: «Wenn ich zu wenig lerne, langweile ich mich schnell. Dann kommen bald auch emotionale Probleme hinzu.» In solchen Momenten ist er enttäuscht vom Schulsystem, beklagt sich viel und will es verändern, sagt er. Deshalb wechselte er in die Privatschule Les Buissonnets in Sitten. Dort wurde ihm angeboten, die Matura innerhalb von zwei Jahren zu machen. «Bereits Ende September hat er jedoch um eine zusätzliche Verkürzung gebeten», sagt seine ehemalige Lehrerin Sabine Gianadda. «So übersprang er gleich drei ganze Schuljahre und hat die Matura in einem einzigen Jahr gemacht.» Dieses hohe Tempo machte einige Mitschüler auch eifersüchtig, sagt Thomas Praz heute.

Wenn alles einfach ist

Bei einem Kaffee in der Universität erzählt er seine Geschichte weder sichtlich prahlerisch noch entnervt. Er könne nicht für andere sprechen, aber ihm entsprach das öffentliche Schulsystem einfach nicht. In vielen Fällen sei es zu restriktiv. So musste er in der Primarschule immer auf seine Prüfungen schreiben, wie lange er dafür gelernt hatte. Bei ihm stand dann oben in der Ecke immer eine Null – die Lehrer glaubten ihm aber nicht. Deshalb schrieb er fortan immer eine Zwei drauf. «Niemand wusste, dass ich hochbegabt bin», sagt er. «Meine Eltern merkten einfach, dass ich schnell bin und nie etwas lernen musste, um eine gute Note zu machen.» Je nach Skala gilt als hochbegabt, wer einen IQ-Wert von mehr als 130 hat, was circa zwei Prozent der Leute erreichen. Einen Intelligenztest hat er aber nie absolviert. Die Zahl interessiere ihn nicht. Eine Psychologin hat ihn jedoch als hochbegabt eingestuft.

Konkret habe sich dies bei ihm vor allem im Umgang mit Zahlen bemerkbar gemacht. Aber auch in den anderen Fächern sei vieles einfach «logisch» und «simpel». Wieso er denn Betriebswirtschaft studiere? «Ich habe die Matura in einem Jahr gemacht und hatte keine Zeit, mir zu überlegen, was ich studieren will», sagt er mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Der Bachelor sei aber «unnütz» für ihn, denn er wolle nicht für andere Leute arbeiten. «Ich will durch Investitionen genug Geld machen, um ein eigenes grosses Projekt zu starten. Um genug Geld zu haben für mein Leben, eine Familie und Kinder, die es besser haben sollen.»

Vernunft, keine Verbote

Im Gespräch wird immer deutlicher, dass hier nicht nur ein junger, sondern auch ein äusserst kritischer Wirtschaftsstudent redet: «Die Studenten an der HSG haben die gegenteilige Meinung von mir. ‹Banken sind super, Inflation kein Problem, Hauptsache, die Wirtschaft wächst.› Ich glaube nicht an dieses System. Kapitalisten lieben Katastrophen», sagt er. Das System müsse verändert werden, deshalb will er es so gut wie möglich kennenlernen. «Wir können mit diesem System zwar viel Geld machen. Mit einem anderen System können wir aber vielleicht mehr Menschen glücklich machen.» Verbesserungen seien immer möglich, deshalb solle man sich nicht mit dem Istzustand arrangieren.

«Manchmal führt er uns unsere Grenzen vor»

Joel Räbsamen, Mitstudent

Für ihn zählen Werte wie Wahrheit und Gerechtigkeit. Selber, sagt er, sei er Anhänger des Libertarismus. Wenig Verbote, tiefe Steuern und viel individuelle Freiheit seien für ihn wichtig. «Die Leute sollten genug vernünftig sein, um für sich selber zu entscheiden, was der richtige Weg für sie ist», betont er. Thomas’ Vater, der als Zahnarzt arbeitet, gefällt die kritische Meinung seines Sohnes. Er ist sich auch bewusst, dass sein Sohn sogar an der Universität unterfordert ist: «Jetzt ist es zu früh für ihn, um aus dem System auszusteigen», sagt er. «Er muss eine gewisse Zeit mit dem System mitgehen. Dann kann er machen, was er will.»

Schweizerische Matura schreibt keine Dauer vor

Die Erfahrung von Einschränkungen, Restriktionen und Verboten musste er im Schulsystem am eigenen Leib erfahren. Wie seine ehemalige Lehrerin und Vizedirektorin der Schule «Les Buissonnets» sagt, stehe bei ihnen der einzelne Schüler im Mittelpunkt. Dieser kann nach eigenen Interessen sein Diplom individuell anpassen. Und die an Privatschulen verliehene schweizerische Maturität hat zwar den Stoff vorgeschrieben, die Dauer des Studiums aber nicht. Deshalb ist es dort möglich, die Matura innerhalb von zwei oder drei Jahren zu machen, je nach Potenzial des Schülers. Es sei aber das erste Mal gewesen, dass ein Schüler in «Les Buissonnets» die Matura in einem Jahr geschafft hat.

Für Thomas Praz ist klar, dass es für den Staat am einfachsten ist, alle Schüler in eine Klasse zu stecken. «Für die Schüler, die Probleme haben, aber auch für diejenigen, die sehr begabt sind, wird zu wenig unternommen», sagt er.

Ähnelt unser Schulsystem dem Rasenmäher-Prinzip, in dem die überragenden Halme abgeschnitten, die langsamen nachgezogen und schlussendlich alle gleichgemacht werden?

«Ja, aber ohne Kopf kann man nicht mehr lernen», antwortet Thomas Praz pragmatisch.

169 Prozent in drei Tagen

Er findet es nicht gerecht, dass einige Eltern ihre Kinder in Privatschulen stecken können und andere nicht. Sein Vater musste arbeiten, um die Rechnungen zu bezahlen. «Ich will Geld machen, um frei zu sein.» Und dabei hegt der Unterwalliser Student hohe Ziele: «2018 will ich aus 1000 Franken eine Million machen. Um unabhängig zu werden und mich meinen eigenen Projekten zu widmen.» Auf seinem Smartphone zeigt er mir die aktuellen Kurse von Kryptowährungen. In drei Tagen hat er aus den 1000 Franken seines Vaters bereits 1692 Franken gemacht. 169 Prozent in drei Tagen. Er setze auf überbewertete «Initial Coin Offerings» und «Pumps and Dumps», die im Markt der Kryptowährungen bisher nicht reguliert seien. Das genaue Rezept verrät der quirlige und sehr umgängliche Student aber nicht. Für ihn ist es aber eine einfache Rechnung. «Eine Million – das sind tausend Franken mal zehn, mal zehn, mal zehn.»

Bitcoin in aller Munde

Während wir durch die Universität laufen, gehen die meisten Studenten Richtung Mittagessen. Dass er der wohl jüngste Student an der Universität St. Gallen ist, schüttelt er mit einem Schulterzucken von sich. «Ich bin einfach ein bisschen jünger», sagt er und fügt hinzu, «ich habe aber auch weniger Lebenserfahrung.» Vor der Bibliothek trifft der Unterwalliser auf zwei Mitstudenten, die gerade aus der Vorlesung kommen.

«2018 will ich aus 1000 Franken eine Million machen. Um unabhängig zu werden»

Thomas Praz

Nach einer knappen Begrüssung geht die Diskussion bereits auf die Kryptowährungen los. Heute sei ein guter Tag, um einzusteigen. Sie debattieren über Blasenbildung, Überbewertung und das St. Galler Management-Modell. Den beiden falle schon gar nicht mehr auf, dass Thomas erst 16 Jahre alt sei, am Anfang seien sie aber sehr überrascht gewesen. «Ich finde es einfach toll, dass er die Matura in einem Jahr machen konnte», sagt sein Mitstudent Joel Räbsamen. «Manchmal führt er uns unsere eigenen Grenzen vor.»

Während seine beiden Mitstudenten einen Ort suchen, um sich für die bald anstehenden Prüfungen vorzubereiten, machen wir uns auf den Weg in die Altstadt. Er erzählt viel, hier sei seine Lieblingsbar, dort die Stiftskirche St. Gallen. Trotz der hohen Durchfallquote an der Wirtschafts-Schmiede St. Gallen macht sich Thomas Praz keine Gedanken um die kommenden Prüfungen. «Es ist nur Schule und Schule ist nichts Unmögliches.» Trotzdem schaue er, meist erst kurz vor den Prüfungen, in die Unterlagen. Das meiste liest er allerdings nur einmal. Dann weiss er es.

Kurz vor unserer Verabschiedung frage ich ihn, ob er es sich vorstellen könne, dass er auf regulärem Weg erst das halbe Gymnasium fertig hätte? «Nein, ich wäre wahrscheinlich tot. Zu traurig, um zu leben.»

Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.