Tante Emma ist zurück

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Sitten | Einkaufen ohne Verpackungen – diese Idee erobert im Moment die Schweiz und sagt dem Plastik den Kampf an. Der Unverpackt- Laden «Chez Mamie» in Sitten hat eine rasante Erfolgsgeschichte hinter sich und hat inzwischen neun Filialen.

Weihnachten ist die Zeit der Geschenke. Bereits kurz nach der Bescherung landen die Verpackungen der Pralinés, der ferngesteuerten Autos und des neuen Kickerkastens im Müll und verwandeln den Geschenk- in einen Abfallberg.

Dieser Abfallberg wird von Jahr zu Jahr grösser. Fielen etwa im Jahr 1970 noch 309 Kilogramm Siedlungsabfall pro Person an, stieg der Anteil bis im Jahr 2013 auf 707 Kilogramm pro Kopf. Die wach senden Abfallberge widerspiegeln nicht nur unseren täglichen Konsum, sondern geht Hand in Hand mit dem steigenden Wohlstand. Rechnet man diese Werte auf ein durchschnittliches Menschenleben hoch, produziert ein Schweizer rund 60 Tonnen Abfall in einem Leben. Davon kann immerhin rund die Hälfte wiederverwertet werden.

Buntes Einkaufen

Zwischen Baufirmen hält im Sittener Industriegebiet ein Laden diesem Verpackungsirrsinn entgegen. Eslyne Charrier und ihr Partner Olivier Richard haben dort im Mai 2016 den ersten Unverpackt-Laden des Kantons eröffnet. Plastikmüll oder andere Verpackungen, die direkt in den Abfall wandern, sieht man dort vergebens.

An den Wänden hängen Dutzende Behälter mit buntem Inhalt: Müsli reiht sich neben selbstgemachte Pasta, Linsen folgen auf Reis und Mehl. Die Kunden bringen ihre Einmachgläser von zu Hause mit, halten sie unter die Füller, oder lassen den Rotweinessig aus der Region in ihre Flaschen tröpfeln. Nebenan reihen sich in den Regalen hölzerne Zahnbürsten und selbst hergestellte Shampoos. Nach einem kurzen Aufenthalt in einer Stofftasche landet das Glas wieder zu Hause im Schrank.

 

Rasante Erfolgsgeschichte

Der Laden des jungen Paars ist eine Erfolgsgeschichte. Bereits vor der Eröffnung der ersten Filiale hat das Paar mehrere Anfragen erhalten mit der Bitte, einen gleichen Laden in einer anderen Stadt zu eröffnen. Entstanden sind dadurch mittlerweile neun Filialen von «Chez Mamie» im Franchise-System, vier davon im Wallis, fünf andere verteilen sich quer über die Schweiz.

«Ich wollte etwas machen, bei dem ich in Einklang mit meinen eigenen Werten leben kann»

Eslyne Charrier 

Ob noch weitere Läden hinzu kämen, sei im Moment noch unklar, sagt die Geschäftsführerin des Sittener Unverpackt-Ladens, Eslyne Charrier. Das hänge ganz davon ab, ob sie initiative Ladenbetreiber finde. Ein Laden im Oberwallis sei im Moment zwar noch nicht vorgesehen, aber sicher nicht ausgeschlossen.

Im Einklang mit den eigenen Werten leben

Seit nunmehr sechs Jahren leben die beiden gebürtigen Franzosen im Wallis. Sie, zuvor Krankenschwester, er, zuvor Koch, haben ihr Leben nach der Lektüre eines Buchs und der Geburt ihrer Tochter komplett auf den Kopf gestellt. Die Zero-Waste-Päpstin Bea Johnson schrieb im Jahr 2008 einen Bestseller und bewies, dass ein Leben ohne Abfall möglich ist. Der gesamte Abfall ihrer vierköpfigen Familie befindet sich in einem kleinen Einmachglas. Damit reist sie seither um die Welt, erzählt von ihren Erfahrungen und wirbt für ein bewussteres Einkaufsverhalten.

Davon liess sich auch die Gründerin des Sittener Unverpackt-Ladens inspirieren. Den zweiten Schritt hat ihre Tochter übernommen. «Ich will meine Tochter nicht in eine Welt voller Abfälle entlassen. Deshalb wollte ich etwas verändern und versuche nun, meinen Abfall so gut wie möglich zu minimieren», sagt sie.

Da es auf normalem Weg doch recht schwierig war, ein Leben ohne Abfall zu führen, kam die Idee eines eigenen Ladens auf: «Ich wollte etwas machen, bei dem ich in Einklang mit meinen eigenen Werten leben kann.»

Nicht unbedingt teurer

Grundsätzlich gebe man beim Einkaufen in einem Unverpackt-Laden nicht viel mehr Geld aus als in einem normalen Supermarkt. Dies habe vor allem damit zu tun, dass die Leute in den kleinen Läden viel bewusster einkaufen, denn dort wird man nicht von einer Aktion zu einem Dreierpack verführt. Kurzum: Man kauft, was man braucht.

Das allgemeine Preisniveau sei aber trotzdem etwas höher. Das hänge aber vor allem damit zusammen, dass die Produkte aus biologischem und, sofern möglich, aus der Region kommen. So unterstützt der kleine Laden in Sitten landwirtschaftliche Produzenten aus der Umgebung und lässt das Geld in der Umgebung zirkulieren. Bei normalen Produkten aus dem Supermarkt fliesst ein beachtlicher Teil der Produktkosten in Verpackungen. Bei vielen Produkten liegt dieser Anteil bei rund 15 Prozent. Dazu gesellen sich noch Aufwände für Werbung. Da diese Kosten in einem Tante-Emma-Laden mehrheitlich wegfallen, befinden sich die Preise auf verkraftbarem Niveau.

Das zeigt auch, dass der Unverpackt-Laden in Sitten vor allem von jungen Frauen besucht wird. Oftmals seien es Frauen mit kleinen Kindern, sagt die Chefin des Ladens: «Für sie hat das Einkaufen auch eine erzieherische Massnahme. Sie wollen ihrem Nachwuchs eine bewusstere Lebensweise mit auf den Weg geben.»

Die rasante Erfolgsgeschichte der «Chez Mamie»-Filialen zeigt, dass viele Kunden den wachsenden Abfallbergen den Kampf ansagen. Und dass sich Nachhaltigkeit in Grosskonzernen wie Migros und Coop nur schwierig leben lässt. Denn dort wird das Bio-Gemüse auch weiterhin umhüllt von einer dünnen Plastikfolie im Regal liegen.

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