Ausgerockt!

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Wallis | Hip-Hop und R ’n’ B haben dem Rock den Rang abgelaufen. Lange hat sich das Gitarren-Genre gehalten. Nun schreitet die Rockmusik langsam ihrem Ende entgegen.

Die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts gehörte musikalisch den elektrischen Gitarren. Ob mit langer Mähne wehend, zähnespielend mit Afrofrisur oder mit Lederjacke – göttergleich wurden sie angehimmelt, wenn sie mit ihren wilden, flinken Fingern die Saiten und die Fans zum Ausrasten brachten.

50 Jahre lang ging es dem Genre prächtig. Auch deshalb, weil es sich immer neu zu erfinden wusste. Chuck Berry verdrängte mit der Gitarre das zuvor dominante Saxofon, in den 60er-Jahren diversifizierte sich die Rockmusik in Dutzende Subgenres, später folgten der Punk und der Grunge. Gegen Ende des Jahrtausends verschwanden die Idole des Rocks und spätestens seit zehn Jahren fragt man sich: Ist Rock ein Auslaufmodell? Verhallen die Gitarren-Riffs im Raum, während die pumpenden Elektro-Beats echoartig immer wiederkehren und nicht mehr aus der Musiklandschaft wegzudenken sind?

«Die Gitarren Helden sind alle gestorben. Und neue Rocklegenden kommen keine mehr dazu»

Mario Audi, Gitarrist

Hip-Hop und R ’n’ B auf dem Siegeszug

Schon oft wurde der Niedergang des Rocks beschrieben. Im Jahr 2010 schafften es lediglich drei Rock-Songs in die Top 100 der am besten verkauften Singles. Und das in England – einem der Mutterländer des Rock. Nun könnte dem langsam sterbenden Dinosaurier eine erstaunliche Statistik den Todesstoss geben: Zum ersten Mal in der Geschichte der Hitparade-Aufzeichnungen ist das Gitarren-Genre übertrumpft worden – und zwar von Hip-Hop und R ’n’ B.

So findet sich unter den fünf meistgehörten Künstlern in den USA lediglich ein Gitarrenklampfer. Der britische Singer-Songwriter Ed Sheeran ist auf der Streaming Plattform Spotify der meistgehörte Musiker des Jahres 2017. Die Plätze zwei, drei und vier machen jedoch Hip-Hop- und R ’n’ B-Künstler unter sich aus. Auf dem fünften Platz rangiert das Electro-House-Duo The Chainsmokers.

Gampels Wandel

Längst haben die Gitarren -Götter nicht nur die Charts, sondern auch die grossen Festivalbühnen verloren. So fasst das Line-up eines der grössten und in der Szene massgebenden Festivals zusammen: Rock ist nicht mehr massentauglich. Erstmals in der Geschichte des «Coachella»-Festivals findet sich unter den drei Headlinern keiner aus dem Rockbereich.

Am Boden. Matthew Bellamy rockte im Jahr 2006 mit Muse die Gampel-Bühne. Heute gehören Gitarren auf den Festivalbühnen nicht mehr zum Standardrepertoire. Rechts: Der einflussreiche Musiker und Produzent Pharrell Williams spielte mit N*E*R*D im Jahr 2009 in Gampel.

Diese Verschiebung macht sich längst auch bei den Schweizer Festivals bemerkbar. So gibt es neben dem Open Air Frauenfeld oder dem Greenfield Festival praktisch keine Spartenfestivals mehr. Und das Open Air Gampel hat sich von einem Rock- zu einem Partyfestival entwickelt. Dieser Wandel war mehr als eine erfolgreiche Image-Strategie, sondern auch Folge des geänderten Hörverhaltens des Publikums. «Unser Zielpublikum hört Playlists auf Spotify, hört keine ganzen Alben mehr und findet sowohl Rock als auch Hip Hop oder Electro cool», sagt der Mediensprecher des Gampjer Festivals Olivier Imboden. «Als der Rapper Kool Savas vor einigen Jahren in Gampel auf der Bühne stand, hatten wir Angst, dass die Tomaten fliegen», sagt Imboden weiter. Das Musikverhalten habe sich stark geändert. Der Mainstream-Fan höre heute breiter Musik und sei offener.

So stand nach dem 2009 neu eingeführten Slogan «iischi Party» in Gampel im Jahr 2011 der erste Elektro-Headliner namens Chemical Brothers auf der Bühne. Diese Marschrichtung hat sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt und auch am vergangenen Line-up in Gampel bestätigt. Unter den vier grossen Namen auf dem Festivalplakat fanden sich neben den Toten Hosen zwei Hip-Hopper und ein Techno-Musiker.

Falls Rockbands noch in Gampel auftreten, sind es entweder langlebige Grössen in der Szene wie Die Toten Hosen oder Muse, oder dann Bands, die die alten Zeiten à la Led Zeppelin wiederbeleben wollen, wie dieses Jahr die Australier Wolfmother. Und seltener revolutionäre Bands mit innovativem Potenzial.

Ohne Vorbilder keine Nachahmer

Diese Veränderungen zeigen sich letztendlich auch im Nachwuchs. So gehen die Verkäufe von Stromgitarren in den letzten Jahren stark zurück. Im Jahr 2017 gar um ein ganzes Drittel. Die bekanntesten Hersteller von E-Gitarren wie Fender oder Gibson schreiben gar rote Zahlen. Und auch beim lokalen Anbieter zeigt sich das gleiche Schema: «Die kleinen Geschäfte gehen in der ganzen Schweiz langsam ein. Wir sind nur noch der Notnagel für Kleinkram und für die Beratung. Gekauft wird anschliessend online», sagt der Inhaber des Musikfachgeschäfts Karl Wyssen in Brig.

Neben den Verkäufen vermerken auch die Musiklehrer einen Rückgang des Saiteninstruments. Der langjährige Gitarrenlehrer und Urgestein in der Walliser Musiklandschaft, Mario Audi, meint, ohne Vorbilder könne es keine Nachahmer geben: «Die Gitarrenhelden sind alle gestorben. Und neue Rocklegenden kommen keine mehr dazu.»

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