Scheinbar schöne, heile Welt

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Visp | Folgt man Tiffany Zenklusen auf Instagram, verdient sie damit Geld. Dort inszeniert sie Modeprodukte, eine scheinbar perfekte Welt und sich selber. Ihr Account hat inzwischen mehr Anhänger als das Oberwallis Einwohner.

 

Mailänder Dom, Hunderte Tauben und Passanten, eine schwarz-weisse Welt. Im Vordergrund hebt sich eine junge Frau in Farbe ab: perfektes Outfit, lange Beine, zwischen Oberteil und Rock blitzt nackte Haut hervor. 9495 Likes.

Eine Woche später: Die gleiche Frau liegt auf ihrem Bett: blonde Haare, Schmollmund. Ihr Gesicht ist mit einer braunen Masse überzogen als wäre es Schokolade. Im Begleittext spricht sie zu ihrem Publikum. Sie sei begeistert von den Produkten. Und: «Mit dem Rabattcode ‹tiffany› könnt ihr zudem noch 20% sparen auf das gesamte Sortiment.» 8578 Likes.

140 solche Bilder hat die 22-jährige Tiffany Zenklusen aus Visp bereits auf die Foto-Plattform Instagram hochgeladen. Es ist ihr Foto-Tagebuch, welches sie der gesamten Öffentlichkeit zugänglich macht und ihren 93 400 Anhängern unter die Nase hält.

Das mulmige Gefühl
 

Während der Woche arbeitet sie bei einer Versicherung. Am besten trifft man sie also bei einem Kaffee in ihrer Mittagspause. Früh sei sie eingestiegen bei Instagram. 2013 hat sie angefangen, Fotos von anderen Prominenten zu teilen. Das verschaffte ihr bald ein grösseres Publikum. Während sie das erzählt, legt sie ihre Hände mit den langen Fingernägeln ruhig aufeinander. Freundlich, aufgestellt wirkt sie. Am Wochenende steht für sie aber die Social-Media-Plattform im Zentrum.

Dort wagte sie später den Schritt, sich selber zu inszenieren und damit auch gesponserte Produkte: «Am Anfang war da schon ein komisches Gefühl dabei. Auch weil das Oberwallis nicht sehr gross ist», sagt Tiffany Zenklusen mit einem Lächeln auf den rot gestrichenen Lippen. Einige ihrer Freunde seien sehr überrascht gewesen, dass ihre Kollegin plötzlich im Internet Werbung betreibt: «Negative Reaktionen habe ich allerdings nicht erfahren», sagt sie.

Das perfekte Bild
 

In der freien Zeit am Wochenende oder in den Ferien macht sie sich auf die Suche nach dem perfekten Bild. Vor der Kamera zu stehen, das sei nicht nur Spass, sondern auch Arbeit. Vorgängig sucht sie nach Locations, einem passendem Outfit und – einem Sponsor.

Und entspricht das Resultat auf den hochgeladenen Fotos dem echten Leben von Tiffany Zenklusen?

«Nein, es ist nur ein Ausschnitt aus meinem Leben.»

Inszenieren Sie auf Ihren Fotos eine heile Welt?

«Klar ist es eine Inszenierung. Meinen Followern ist auch bewusst, dass hinter meinen Fotos keine heile Welt steckt. Ich will aber eine positive Botschaft in die Welt tragen und nicht für schlechte Stimmung sorgen.»

Also wollen Sie Ihre Follower in erster Linie dazu animieren, mehr zu konsumieren und mehr zu kaufen?

«Ich sehe das nicht so streng. Was der Follower im Anschluss macht, ist seine Sache. Auch die normale Werbung animiert zum Kaufen», sagt sie.

Das Jahr der Influencer
 

Das eben zu Ende gegangene Jahr hat gezeigt: Werbung durch Influencer, sogenannten Beeinflussern, kommt immer häufiger vor. Das bestätigt auch Fabian Plüss von der grössten Influencer-Vermarktungsagentur «Kingfluencers»: «Im Jahr 2017 ist das Marketing durch Influencer definitiv in der breiten Masse angekommen.»

«Meinen Followern ist bewusst, dass hinter meinen Fotos keine heile Welt steckt»

Tiffany Zenklusen, Influencerin

Plüss erklärt sich den Boom von Influencern so: «Ist die Marke selber der Absender einer Werbebotschaft, stellt sich die Frage der Glaubwürdigkeit.

Schaltet man eine neutrale Person, einen Influencer dazwischen, erhöht das die Glaubwürdigkeit.» Ein Influencer werde zwar für seine Posts bezahlt, aber nicht für die Botschaft, die er vermittelt. Auf dem Spiel steht für die Social-Media-Stars eine Menge: die Ich-bin-eine-von-euch-Illusion und damit auch ihre Follower. Deren hat die junge Visperin momentan genug. Mit über 93 400 Followern nimmt sie im Oberwallis wohl den Platz eins für sich in Anspruch. Und gesamtschweizerisch rangiert sie laut der Plattform likeometer.ch auf dem 57. Platz.

Das eiserne Schweigen
 

Kleinere Unternehmungen kommen mittlerweile von sich aus auf die junge Walliserin zu. Im Anschluss darf sie sich auf den Internetseiten der Modeunternehmen bedienen und das gratis.

 

 

Die Gegenleistung: ein Foto für ihre Follower. Bei den grossen Unternehmen muss sie jedoch selber anfragen. Dafür kommt zusätzlich zu den Gratiskleidern noch ein Honorar hinzu.

In der Branche herrscht allerdings eisernes Schweigen, wie hoch dieser Betrag ausfällt. Und auch Tiffany Zenklusen bleibt trotz dreimaligem Nachhaken in dieser Frage hart und will sich dazu nicht äussern.

Auf Plattformen wie etwa influencerdb.net ist es möglich, eine Hochrechnung zu machen, wie viel ein Blogger pro gepostetem Bild verdient. Dabei werden die Reichweite und die Reaktionen des Publikums miteinbezogen. Tut man dies bei dem Account von Zenklusen, der auf den Namen fashionandlove_ läuft, erhält man einen Wert von rund 420 Franken pro Bild. In der Schweiz geht die Spannbreite von Beträgen von rund 200 Franken pro Post bis zu 10 000 Franken.

Die Fake-Follower
 

Beim Buhlen um die Gefolgschaft steht auch das Thema Fake-Follower im Raum. Also falsche Profile, ohne dass dahinter wirklich ein Mensch steckt. Der Experte in der Branche, Fabian Plüss, sagt dazu: «Das Problem ist bei uns schon lange auf dem Radar, aber unmöglich, zu vermeiden. Denn jeder – auch du und ich – haben einen Anteil an Fake-Followern. Wir schauen die Profile der Influencer aber sehr genau an.»

Für Tiffany Zenklusen war das Einkaufen von falschen Freunden kein Thema. Ohne auf sich aufmerksam zu machen, funktioniert es allerdings auch nicht. Eine Methode dafür sind Wettbewerbe. Dabei wird als Gegenleistung für ein «Follow» oder «Like» ein möglicher Gewinn, wie ein neues iPhone, in Aussicht gestellt. «Das kostet natürlich etwas. Damit kann ich aber viele Leute auf mein Profil aufmerksam machen», sagt Zenklusen. Und viel bedeutet je nach Erfolg des Wettbewerbs rund 10 000 Follower an einem einzigen Tag.

Die Schleichwerbung
 

Neben den Honoraren erhalten die Influencer die Geschenke der Unternehmungen. Und damit wird nicht gegeizt: «Mein Kleiderschrank ist mittlerweile voll», sagt die junge Visperin.

Ähnlich wie in der Medienbranche wird bei den Werbern auf den sozialen Medien die Frage nach klarer Trennung zwischen Inhalt und Werbung laut. «Für den Betrachter müsste auf den ersten Blick klar sein, was Werbung und was Inhalt ist», sagt der Sprecher der Schweizerischen Lauterkeitskommission, Thomas Meier. «Ob in der Zeitung, im TV oder auf Instagram, unsere Verhaltensregeln gelten kanalunabhängig, also für alle.»

In der Schweiz hat es zu Schleichwerbung auf Instagram allerdings noch keinen Beispielsfall gegeben. Im Gegensatz zu Deutschland: Wenn Influencer dort die Werbung nicht klar deklarieren, können sie gar vor Gericht landen. Gebüsst wurde am Schluss allerdings nicht der Influencer, sondern das Unternehmen.

Die Schweizerische Organisation kann im Gegensatz zu seinem nördlichen Pendant allerdings nicht von sich aus Sanktionen sprechen. «Unser Erfolg liegt bei der Glaubwürdigkeit», sagt Thomas Meier. «Werden kommerzielle Unternehmen gerügt, handeln sie im Anschluss meistens auch entsprechend.»

Daran hält sich auch die Bloggerin aus dem Oberwallis: «Am Anfang habe ich es nur gemacht, wenn mich die Firmen darum gebeten haben», sagt sie. «Mittlerweile deklariere ich die Werbung aber bei allen meinen Bildern.»

Auf ein Foto am Ende des Gesprächs mit Tiffany Zenklusen wird dann aber doch verzichtet. Ein Foto von Instagram ist ihr lieber.

 
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Kommentar 1

  1. Seltsam, im Januar 2018 hatte sie 93k Follower (gem. diesem Artikel) 1.5 Jahre später, ist sie noch knapp bei 80k. So viel zum Thema Fake Followers. Insta hat halt wiedermal eine Säuberungsaktion durchgeführt. Und sie viele Firmen hinters Licht geführt. Betrug sagt man dem.

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