Kurzfutter oder Qualität?

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Termen/Bern | Die Medien sind in einem rasanten Wandel begriffen. Samuel Wyss arbeitet beim «Echo der Zeit» in einer geschützten Werkstatt. Im Interview spricht er über Katzen videos, Kurzfutter und über die Zukunft der Medien.

Samuel Wyss, sind wir Piloten oder Passagiere des Medienwandels?

«Wir sind sicher Piloten, aber auf der anderen Seite auch Passagiere. Denn wir sind uns nicht bewusst, welche Veränderungen die rasante Digitalisierung mit sich bringt. Die Nutzungsgewohnheiten der Medien verändern sich extrem schnell. Google und Facebook sortieren uns mit Algorithmen die Realität und bestimmen unsere Agenda.»

Im Film «Die vierte Gewalt» sagen Sie, Sie seien kein Zyniker, aber zu einem gewissen Grad muss man als Journalist abgestumpft sein.

«Das habe ich für mich persönlich so realisiert. Wenn ich mich jeden Tag mit dem Elend in Syrien und Afrika auseinandersetzen muss, mit Korruption in der Politik und Krisen in der Wirtschaft und diese Realität emotional zu nahe an mich ranlassen würde, wäre das fatal und aus meiner Sicht unprofessionell.»

Als Konsument wird einem aber durch Live-Streams suggeriert, man wäre extrem nahe an der Welt. Sind die Medienkonsumenten voyeuristischer geworden?

«In diesen Fällen würde ich sagen, dass wir eben nicht mehr die Piloten sind, sondern gesteuert werden. Klicks sind die Währung von ‹20 Minuten› und ‹Watson›. Dadurch werden Nebensächlichkeiten, die zum Teil sehr voyeuristisch sind, gross gemacht. In die- sen Fällen braucht der Medienkonsument eine gewisse Erfahrung und muss relativieren und überlegen, weshalb diese Meldung ganz oben platziert ist.»

«Für viele Leute reicht es, Gratiszeitungen zu konsumieren»

Samuel Wyss, Moderator SRF

Die Macht der Klicks führt auch zur Durchmischung von hartem Journalismus und Katzenvideos.

«Nicht nur. Da kommt noch hinzu, dass sich durch Native Advertising Werbung als Journalismus tarnt und die Grenzen aufweicht. Alle grossen Medienhäuser haben mittlerweile riesige Abteilungen und probieren Werbetexte zu machen, die man möglichst nicht mehr von richtigem Journalismus unterscheiden kann. Das ist eine Reaktion auf die abnehmenden Werbeeinnahmen. Das kann man zwar nicht verhindern. Es muss aber klar als Werbung deklariert und abgegrenzt werden von kritischem Journalismus.»

 

Das neu gegründete Online- Magazin «Republik» verzichtet auf Werbung und lebt von Abos, SRF von Gebühren. Wie wird sich der Journalismus in Zukunft finanzieren?

«Das ist schwierig zu sagen. Vom System ‹Republik› bin ich noch nicht überzeugt, ob das funktionieren wird. Auch nicht nach dem Lesen der ersten Texte. Die machen das, was man sonst gratis online bei der ‹Zeit›, der FAZ oder der ‹Süddeutschen› lesen kann. Die ‹Republik› ist in erster Linie eine gute Marketing-Aktion. Ich bin aber auch sicher, dass in Zukunft niemand ein Abo für das ‹Echo der Zeit› bezahlen würde. Werbung bleibt zwar eine Einnahmequelle für guten Journalismus. Gewinnbringenden Journalismus kann man aber heute nicht mehr machen. In Zukunft muss guter Journalismus also wohl quersubventioniert werden. Axel Springer zum Beispiel hat eine solche Strategie.»

Ist die Medienkrise auch eine Krise der Medienkonsumenten?

«Für viele Leute reicht es, Gratiszeitungen zu konsumieren. Ihnen ist aber auch nicht bewusst, dass das nur Kurzfutter ist, keine Hintergründe erklärt und relativ wenig mit gutem Journalismus zu tun hat.»

Man wird in den sozialen Medien überflutet mit Informationen. Um Aufmerksamkeit zu erhalten muss man also immer lauter werden. Bist du froh, dass man am Radio nicht schreien kann?

«Ja sehr. Ich arbeite in einer sehr geschützten Werkstatt. Bin sehr dankbar, dass ich keinen Journalismus machen muss, der möglichst viele Klicks generiert.»

Biografie

Samuel Wyss, ursprünglich aus Termen, lebt und arbeitet heute in Bern. Der 38-jäh rige moderiert seit zweieinhalb Jahren die SRF-Hintergrundsendung «Echo der Zeit». Die Sendung gilt als Flaggschiff des SRF, wird seit 1945 aus- gestrahlt und erreicht täglich rund 700 000 Hörer.

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