Auf zwei Rädern um die Welt

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Turtmann | Vor mehr als einem Jahr startete Mathias Jäger mit seinem Drahtesel in Turtmann. Strampelnd auf dem Fahrrad ist er mittlerweile in Indonesien angekommen. Ein Abenteuer quer durch heisse Wüsten und über Pässe, höher als der Mont Blanc.

Am 12. Februar 2017 stieg Mathias Jäger in Turtmann auf sein Fahrrad, den Fernen Osten im Blick und die Simplonstrasse unter den Reifen. Schon bald bewältigte er den ersten Pass – den Simplon.

Seit diesem Tag ist nicht nur mehr als ein Jahr ins Land gezogen, sondern auch viele Spuren eines Veloreifens in den Sand. Über 23 000 Kilometer hat der Abenteurer aus Turtmann bisher auf seinem Fahrrad zurückgelegt. Vergleicht man dies mit dem Umfang der Erde am Äquator, dann hat Jäger bereits mehr als die Hälfte der Erde umrundet.

Mitte Februar sitzt Jäger in einem kleinen Hotel auf der Insel Java in Indonesien. Der Himmel dunkelt ein, laute Motorräder fahren an der Strasse vorbei. Er wäscht seine Fahrrad-Sachen, isst ein Nasi Goreng, was er sich nach 140 Kilometern auf schwarzem Asphalt zweifelsfrei verdient hat. Nach dem Essen macht er per Internet einen Anruf in die Schweiz und erzählt, fasziniert wie am ersten Tag, von seinem grossen Abenteuer.

Extreme Gastfreundschaft
 

In den letzten Monaten durchquerte er Laos, Thailand, Malaysia und Singapur. «Palmen, wunderschöne Strände, gutes Essen für wenig Geld und extrem freundliche Leute – dort herrschte bei mir eindeutig Südostasien-Feeling», sagt Jäger durch den Hörer. In Indonesien hat er nun seit mehreren Wochen praktisch keine westlichen Leute mehr getroffen. Geweckt wird er morgens von einem Muezzin, der die muslimische Gemeinde zum Beten in die Moschee ruft. Ein ausgiebiges Frühstück später schwingt er sich auf sein Fahrrad und haut in die Pedale. Im Schnitt legt er rund 100 Kilometer pro Tag zurück. Die Zeit auf dem Velo ist für ihn Meditation.

Manchmal strampelt er acht, neun, fast zehn Stunden an einem Tag. Die Landschaft um ihn herum verändert sich nur langsam. Er hat Zeit – sieht nicht nur die Höhepunkte einer vorgeplanten Reise, sondern fährt zwischen kleinen Dörfern hindurch, wird von Einheimischen fast vom Fahrrad gerissen und landet mit einem würzigen Tee in der Hand auf dem Teppich von wildfremden Leuten aus einer fremden Kultur. Ohne ein Wort zu verstehen verständigt er sich mit Händen und Füssen. Menschlichkeit lasse einander verstehen: «Besonders im Iran musste ich praktisch nie in einem Hotel übernachten», sagt Jäger. «Die Iraner sind extrem gastfreundlich. Ständig wurde ich zum Übernachten eingeladen.»

Hochzeiten und Beerdigungen
 

So taucht der Turtmänner jeweils für einen Abend in eine Parallelwelt, in eine fremde Kultur ein und wird Teil einer anderen Familie. Schwärmerisch erzählt er zahlreiche Anekdoten, von «Erlebnissen, die man sich nicht kaufen kann» und von «Geschichten, die man in keinem Reiseprospekt findet».

Und verspricht damit auch nicht zu viel. Wochenlang fuhr er etwa durch Tibet, ohne auf andere Touristen zu treffen. Gelandet ist er dann auf 3000 Metern über Meer bei einer Familie, die ihn bei sich aufnahm. Am Abend half er den beiden Söhnen, die rund 150 Yaks wieder einzutreiben. Aus dem Nichts landete er so auch auf einer Beerdigung im Iran oder auf einer Hochzeit in Tibet. Um dem ständigen Unterwegs-Sein zwischendurch den Riegel vorzuschieben, nimmt er sich immer wieder eine kleine Auszeit. An solchen Tagen schlendert er durch den grossen Bazar von Tashkent oder besucht die Höhlengebilde in der Zentraltürkei. Oder wagt den Aufstieg auf den 5400 Meter hohen Haba Snow Mountain in China.

Obwohl seine Reise bisher sehr positiv verlief, gehört das eine oder andere Ärgernis auch dazu: «Es ist für mich kein Urlaub, keine Ferien», sagt Jäger. «Sondern eine Reise ins Ungewisse, ein Abenteuer.» Eine gute Planung ist da ein Muss. Denn wenn er durch eine heisse Wüste fährt, ist er auf sich allein gestellt und muss vorbereitet sein. Nicht nur zu wenig Trinkwasser kann in solchem Klima und Gelände zum Problem werden, sondern auch das Material. «Bisher hatte ich circa 30 Mal einen platten Reifen. Erstaunlicherweise auf den ersten 6000 Kilometern keinen einzigen.»

Komfortzone verlassen
 

Auf seiner Reise ist der Turtmänner über die eine oder andere kulinarische Tradition gestolpert. So hat er etwa in Malaysia zum ersten Mal eine Durian gegessen, eine Tropenfrucht, die stinkt wie die Hölle, aber schmeckt wie der Himmel. «Das war ein spezielles Erlebnis», sagt er und lacht. «Aber irgendwie mag ich diese exotische Frucht.»

«Solche Erlebnisse kann man sich mit keinem Geld der Welt kaufen»

Mathias Jäger

In anderen Regionen wie in Tadschikistan oder Kirgistan sei das Essen viel eintöniger gewesen. Dort habe es meistens einen Eintopf mit Überraschungsfaktor gegeben. «Immer wenn ich den Deckel des Topfs aufgemacht habe, gab es eine neue Überraschung. Von Innereien, bis zum Gehirn wurde in dem Eintopf alles zusammengewürfelt», sagt er.

Das sei eigentlich der Grund, weshalb er so gerne an fremden Orten unterwegs ist: «Neue Dinge erleben, sehen, schmecken und probieren – das ist der Reiz eines Abenteuers.» Dafür sei das Velo das ideale Fortbewegungsmittel. Man habe ein gewisses Tempo und sei trotzdem ganz nah dran am Geschehen. Und ganz weit weg von seiner gewohnten Komfortzone.

Wohin geht die Reise?
 

Einer der härtesten Abschnitte seiner bisherigen Reise war die Pamirstrasse. Diese ist eine der höchsten Strassen der Welt und verbindet Tadschikistan und Kirgistan. «Jeden Tag zelten, schlechtes Essen und eine schlechte Versorgung – das verlangte nicht nur mir, sondern auch dem Material sehr viel ab», sagt Jäger. Zudem schwankten die Temperaturen auf der Reise extrem – nämlich über 50 Grad. Während es in China Temperaturen bis minus drei Grad gab, wurde es in Usbekistan bis zu 48 Grad heiss.

Sein Ziel war es, von Turtmann nach Singapur zu fahren und sich dann neu zu orientieren: «Ich hatte das Gefühl, dass es noch nicht Zeit ist, nach Hause zu gehen», sagt er. Wohin ihn die Reise noch führen wird und wie lange er noch unterwegs sein wird, weiss er selber noch nicht genau.

Rein finanziell könnte es noch eine Weile weitergehen, denn bisher liegt er mit den Kosten unter dem geplanten Budget von 30 Franken am Tag. Ein Jahr lang sass er bereits im Sattel. Gebraucht hat er dafür inklusive allen Flügen, Visa, Versicherungen, Essen und Hotels weniger als 10 000 Franken.

Sehnsucht nach zu Hause
 

Nach Indonesien soll das Land Timor folgen: «Darauf freue ich mich sehr. Das wird noch einmal ein bisschen abenteuerlicher.» Von da aus fliegt er übers Meer nach Darwin. Auf seinem zweirädrigen Vehikel nimmt er dann die 3000 Kilometer lange Strecke durch das australische Outback in Angriff. Einmal in Melbourne oder Sidney angelangt, wird wahrscheinlich Neuseeland folgen. Und vielleicht gar noch eine Reise quer durch Amerika? Von Alaska nach Patagonien?

Es gebe noch viele Orte, die er nicht gesehen hat, sagt er zum Abschluss des Gesprächs. Doch irgendwann werde er sich zurücksehnen, nach seinen gewohnten vier Wänden, nach einem Bier mit Freunden und nach fliessendem, warmem Wasser.

Am nächsten Tag geht es für den Abenteurer aber erst mal weiter. Jeder Tritt in die Pedale wird ihn auf einen Flecken Erden bringen, den er vorher noch nie betreten hat.

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