Bei ihr scheint immer die Sonne

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Zermatt | Beatrice Egli verkauft so viele Alben wie sonst fast keine Schweizerin. Die Musik ist für sie eine wohlbehütete Traumwelt, in die abseits der Bühne auch immer wieder Negatives vordringt. Der «Walliser Bote» hat die Schlagersängerin zu einem Fondue in Zermatt getroffen.

Anfang Februar herrscht in Zermatt ein Winter, wie es sich für einen Winter gehört. Die Temperaturen sinken so tief wie die Schuhe im frischen Schnee. Dieses Idyll liegt der Schlagersängerin Beatrice Egli. Eine kleine Schar Journalisten lud sie tagsüber auf fast 4000 Meter über Meer ein. Hoch hinauf in die dünne Luft. Wo jede Bewegung mehr Zeit beansprucht. Und mehr körperlichen Effort fordert.

Mehr Zeit für sich und mehr Zeit für ihr neues Album brauchte die mittlerweile 29-jährige Sängerin nach einer kräftezehrenden Phase ihres Lebens. Fast fünf Jahre ist er her, der Tag, an dem sie die deutsche Castingshow «Deutschland sucht den Superstar» gewonnen hat. Nach diesem Sieg nahm ihre Karriere einen steileren Aufstieg als die Zahnradbahn hinauf auf den Gornergrat. Fünf Alben in fünf Jahren. Dauergast in der Schweizer Hitparade. Drei der Alben schafften es gar an die Spitze der Charts. Diese Anstrengung sei nötig gewesen, um sich in der hart umkämpften Musikszene zu etablieren. Nach zwei Jahren erscheint am 16. März ihr neues Album «Wohlfühlgarantie».

Gespielte Realität
 

«Wohlfühlen heisst für mich auch essen», sagt die Sängerin kindlich glücklich. Mit einem Lächeln auf den Lippen steckt sie eine Birne an die Fonduegabel und lässt sie im Käse verschwinden. Sie wirkt fröhlich und erholt. Bezirzt die Journalisten mit ihrem Charme und tauscht sich interessiert mit ihnen aus. Fünf Jahre, die sie zu einem Profi gemacht haben. Vor der Wirkung, die sie von der Bühne auf ihr Publikum ausstrahlt, sind auch die Journalisten am Tisch nicht gefeit.

Gelernt hat sie das zum Teil auf der Schauspielschule – aber nicht nur. Mit der Muttermilch hat sie die Schlagerwelt aufgenommen. Egli wurde in die Welt des Schlagers hineingeboren. Mit neun Jahren war sie mit einem Alleinunterhalter unterwegs. Damals haben ihre Klassenkameraden oft nicht verstanden, weshalb sie Schlager hört und nicht die Backstreet Boys. Auch wenn sie in ihrer Jugend auch mal Hip-Hop-Partys besucht hat, blieb der Schlager für sie immer ihre «Heimat». Trotzdem war sie vor fünf Jahren überrascht, als ihre Karriere plötzlich durch die Decke ging. In dieser Rolle musste sie sich erst einmal zurechtfinden: «Am Anfang habe ich mich auch auf das Gelernte von der Schauspielschule verlassen, um die Bühne mit voller Präsenz einzunehmen. Früher war der Grossteil der Show komplett durchchoreografiert. Heute bin ich auf der Bühne frei», sagt sie. «Mit der Zeit bin ich in der Rolle aufgegangen.»

«Die Welt hat ihre zwei Seiten, das stimmt. Ich entscheide mich aber ganz bewusst für das positive Leben»

Beatrice Egli

Jede Person besteht aus verschiedensten Facetten. Bei einem TV-Auftritt könne sie höchstens die eine Seite zeigen. Bei einer Tourneeshow zeige man schon mehr von sich: «Mein Ziel als Künstlerin ist es aber nicht, alles von mir preiszugeben. Es gibt viele private und intime Teile von mir, die ich auf der Bühne nicht teilen will», sagt Beatrice Egli. Ob sie in der Ära, in der sie mit Dieter Bohlen zusammengearbeitet hat, in einem Korsett gesteckt hat? «Ein Korsett ist der falsche Begriff. Aber der Trubel war so gross, dass ich mir darüber gar nicht so viele Gedanken gemacht habe.»

Schein oder Sein in der Schlagerwelt?
 

Ohne sich viele Gedanken zu machen hat es mit ihrer Karriere funktioniert. Egli hat funktioniert. So wie sie heute manchmal morgens um vier von ihrem Wecker aus dem Schlaf gerissen wird, nicht weiss weshalb, nicht weiss, in welcher Stadt sie sich gerade befindet und wo die Reise weitergeht. Klar gebe es da auch Momente, in denen sie keine Lust darauf habe. Aber das gehöre zum Job, sagt sie und beendet den Satz mit einem Lachen. Ein Lachen, das die Bedeutung des Satzes für einen Moment überdeckt, aber nicht gänzlich wegradiert. Wie eine Welle, die am Strand auf eine Sandburg trifft und sie halb eingesackt zurücklässt.

Die gute Laune der Showfrau erleidet erst einen kleinen Absacker, als die Frage nach Schein und Sein in der Schlagerwelt gestellt wird. Weshalb sie sich auf die positive Seite der Welt reduziere und die negativen Aspekte ignoriere. Eine Frage, für die sie gewappnet ist, die Argumente liegen bereit und ein zehnminütiger Monolog folgt. Ihre Augen verengen sich, ihre Stimme wird ernster.

Sie könne nur für sich selber reden, aber sie lebe dieses Schlagerleben. Sie sei da hineingeboren und sei in dieser Welt gross geworden. In einer tollen Familie aufgewachsen, umringt von den Bergen, «in einem Idyll», sagt sie. «Und nicht in einem Ghetto».

Aber ist die Welt nicht komplexer? Kann man die negative Welt ausblenden?

«Die Welt hat ihre zwei Seiten, das stimmt. Ich entscheide mich aber ganz bewusst für das positive Leben. Man darf nicht dafür verurteilt werden, dass man für die positive Sichtweise einstehen will und man an die positive Welt glaubt. Deshalb verliere ich aber auch nicht den Bezug zur Realität», antwortet sie.

Übersetze man einen Rock-Song ins Deutsche, sei der mindestens so kitschig wie ihre eigenen Texte.

Aber ist Rock nicht auch ein politisches Statement?

«Das war beim Schlager schon immer so – entweder man liebt ihn oder man hasst ihn»

«Auch Schlager kann politisch sein! Udo Jürgens hat nur politische Statements abgegeben. Und auch Roland Kaiser war politisch. Das ist aber meine persönliche Entscheidung. Ich will mich nicht politisch äussern», sagt sie. «Nur weil man vom Positiven singt, heisst das noch lange nicht, dass man in einer Scheinwelt lebt.»

 
Dieter-Bohlen-Software
 

Vielleicht würde es der Sängerin aber guttun, das eine oder andere politische Statement in ihre Texte einzubauen. Oder die eine oder andere Stufe auf der Abstraktionsleiter hinunter in Richtung Realität zu steigen. Denn wer das Experiment wagt und sich wirklich auf die Texte, die Beatrice Egli zum Besten gibt, einlässt, merkt bald: Viel mehr als ein purpurnes Liebesideal steckt da nicht drin. Wie aus einem Baukasten der Schlagerfabrik – vollautomatisch zusammengesetzt von der Dieter-Bohlen-Software wirken ihre Texte. In ihrem neuen Song «Herz an» kritisiert sie, dass wir wie Computer funktionieren. So klingen aber auch ihre Texte.

Später dreht sich das Gespräch um Fussball. Die Kluft zwischen den horrenden Löhnen der Kicker und der einfachen Arbeiter im Fansektor versteht auch Egli nicht. Bei ihr und ihren Fans sei das anders. Sie und ihr Umfeld hätten sich nicht verändert. Ihre Eltern arbeiten immer noch in einer Metzgerei und sie habe noch die gleichen Freunde wie vor fünf Jahren: «Ich bin froh, seit jeher meine Familie und meine Freunde um mich zu haben, die mich immer wieder erden», sagt sie. Klar gönne sie sich dann und wann ein besseres Hotelzimmer, um einmal einen Tag zu entspannen. Aber das gehöre halt dazu, wenn man arbeitet, Geld verdient und dem Stress die Luft rauslassen wolle.

Grenzen öffnen sich
 

Nach dem Dessert setzt sich Egli auf einen gemütlicheren Sessel. Dahinter züngeln Flammen in einem Kamin. Ob sie sich manchmal ärgere, dass viele Leute mit Schlager umgehen, als wäre es eine Krankheit?

«Damit bin ich gross geworden. Das war beim Schlager schon immer so – entweder man liebt ihn oder hasst ihn. Ich bin aber auch stolz darauf, dass ich dem Schlager treu geblieben bin, auch nachdem mir alle gesagt haben, damit könne man doch nicht erfolgreich sein.»

Die Albenverkäufe von Beatrice Egli zeigen es. Ihr Schlager ist massentauglich. Das liegt auch daran, dass sich die Genre-Grenzen langsam aufweichen. Egli ist auch keine Gegnerin von der Weiterentwicklung der Schlagermusik: «Ich bin überzeugt, dass der Schlager eine wahnsinnige Entwicklung gemacht hat, die Grenzen öffnen sich und das Genre wird breiter. Das ist aber auch richtig so, denn der Schlager im Jahr 2018 darf nicht so klingen wie jener aus den 80er-Jahren.»

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