Wein in den Beinen

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Die Rebsortenwanderung ist Genuss und Natur, Lachen und Leiden. Und beste Werbung für die Weinbauern und das gesamte Wallis.

Eine letzte Steigung. Die Beine fühlen sich an wie Gummi. Die einen haben noch Energie, die anderen müssen fast gezogen werden. Doch der Ausblick entschädigt für die letzte Anstrengung. Die Kirche von Salgesch inmitten der Rebberge und die weite Sicht ins Oberwallis: Dieses Panorama muss man sich zuerst verdienen. Acht Kilometer läuft man von Siders bis an diesen Punkt: Was den Wanderern mehr zu schaffen macht als der Fussmarsch: Der Weg führt an 58 Ständen vorbei. 58 Mal haben die Gäste die Möglichkeit, einen Wein zu degustieren. Oder Nein zu sagen. Das Resultat: Bis zum Schluss haben einige Besucher eine Menge Wein in den Beinen.

Eine Helikopter-Bar

Die Rebsortenwanderung zieht jedes Jahr mehr Besucher an. Und schafft es auch in diesem Jahr, den Besucherrekord zu brechen: 9500 Gäste wagten die Wanderung durch die Rebberge zwischen Siders und Salgesch. Dazu kommen noch diejenigen Besucher, die sich ein eigenes Glas von Zuhause mitnehmen. Doch was macht die Wanderung beziehungsweise den Spaziergang im Mittelwallis so besonders? Alles beginnt beim Château de Villa in Siders. Dort bekommen die Gäste ein kleines Täschchen umgehängt. Darin zu finden ist das wichtigste Accessoire des Tages: ein Weinglas. Und dann gehts los auf die Wanderung. Am ersten Stand kommt es zu einem grossen Besucherandrang, alles hält an. Die ersten Flaschen werden bestellt, die ersten Weine degustiert und verglichen. Die Gläser klirren. Und die Sonne brennt vom Himmel. Es riecht nach Sonnencreme. Vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr.

Die Masse will weiter. Sie schlängelt sich über die sanften Hügel, bringt Farbe in den sattgrünen Rebberg. In den engen Gassen von Muraz wird sie abgebremst. Die Gläser werden im Dorfbrunnen gefüllt. Zigarettenrauch hängt zwischen den Holzstadeln. Ein junger Mann versucht sich am Alphorn, es quietscht. Als der erste, richtige Ton erklingt, jubeln seine Freunde. Auf der ersten Anhöhe steht ein Helikopter der Air-Glaciers. Die Türen des Helikopters, der früher Leben gerettet hat, stehen offen. Daraus wird Wein der Kellerei Domaine des Crêtes ausgeschenkt. Die Winzerin der Kellerei, Martine Vocat, zeigt auf die Parzelle direkt neben dem Helikopter und sagt: «Gleich hier unten wachsen die Trauben für unseren Muskat.» Sie ist froh, dass so viele Leute an die Rebsortenwanderung kommen. «Wir wollen der Schweiz beweisen, dass wir Walliser gute Weine produzieren», sagt sie.

Alles ist möglich

Auf den nächsten Kilometern verteilen sich die Leute immer mehr. Sie sitzen an Festbänken und suchen sich Schatten unter den Garagen. Einige kühlen sich in den Dorfbrunnen ab, andere unter den Sprinkleranlagen. Auf den Mäuseplatten der Holzstadel und den Briefkästen der Einfamilienhäuser sammeln sich Weinflaschen an. Dann und wann zerspringt ein Glas, die Scherben knistern unter den Schuhsohlen. Auf der Wanderung sieht man Leute, die in Schottenröcken Dudelsack spielen, Hippies, die eine Minute für den Frieden meditieren und junge Männer, aus deren Lautsprechern Ballermann-Hits dröhnen. Man sieht Klassentreffen und Junggesellenabschiede, Alleinunterhalter und Gitarrenspieler, die «Every little thing is gonna be alright» in die Welt säuseln. Jung und alt, alle zusammen. In Salgesch ist man erleichtert. Die Dorfbewohner freu-en sich über den Ansturm. So auch der Ex-Politiker Jean-Michel Cina. Es sei beste Werbung für Salgesch, den Wein und das Wallis. «Für Salgesch ist das ‹iischi Party› des Jahres.»

Wunderbare Mixtur

Die «Wiiwanderig» riecht nach Raclette, Wein und Schweiss. Sie schafft eine Brücke zwischen den zwei Teilen des Wallis. Sie fühlt sich an wie gute Stunden mit Freunden. Sie klingt nach anstossenden Gläsern, sie staubt und strengt an. Sie macht betrunken und vergesslich, sie bringt einige am Tag danach zum Fluchen. Doch vor allem ist die «Weinwanderung» eine wunderbare Mixtur aus Natur und Genuss. Sie ist das Wallis.

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