Der Barkeeper der Kulturen

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In China entwickelt er Cocktails und Tee-Sets. Und verbindet damit die westliche Welt mit der asiatischen Kultur. Didier Quarroz mixt Kulturen und lässt Neues entstehen.

Sechs Monate arbeitete er an seinem neuen Produkt: ein Tee-Set, das die Tradition neu interpretiert und Tee zum Erlebnis machen will. Um sich vor Nachahmern zu schützen, hat er nur wenigen Leuten von seinem Produkt erzählt. Und an dem Tag, als er das Geheimnis lüftet und es der Öffentlichkeit präsentiert, erlebt er eine Überraschung.

Moderner Vibe

Der Designer Didier Quarroz ist im Dreisprung von Baltschieder über Lausanne und Zürich in Schanghai gelandet. Der Anruf via WhatsApp funktioniert zunächst nicht. Als Quarroz’ Stimme dann durch den Hörer dringt, sagt er, das Internet sei eines der Dinge in China, die mühsam sind. Viele Seiten wie Facebook, Twitter und YouTube, Dienste wie Google und WhatsApp funktionieren nur mit VPN. «Man muss simulieren, dass man sich ausserhalb von China und ausserhalb der ‹Great Firewall› befindet. Nur dann funktioniert es.»

In persona befindet sich der Walliser seit sechs Jahren in China. Und es gefällt ihm gut dort. Der moderne Vibe, der durch die Millionenstädte zieht, steckt ihn an. «Ich weiss nicht, wann ich zum letzten Mal Bargeld in den Händen gehalten habe», sagt er. Alles laufe in Chinas Metropolen mit dem Handy. Im Restaurant bestellt man sein Essen nicht bei einer Servicekraft, sondern sucht sich das Menu auf dem Smartphone aus. Und wenn jemand etwas Spezifisches kaufen möchte, geht niemand mehr in den Laden. «Von Schuhen bis zu Schraubenziehern und Autos, alles kann im Internet bestellt und an die Haustür geliefert lassen werden. Das ist extrem praktisch.»

Neuer Cocktail entsteht

Fünf Jahre lang wohnte er in Schanghai, einer Stadt, die drei Mal so viele Einwohner hat wie die gesamte Schweiz. Dort hat er zunächst für eine Zürcher Agentur gearbeitet. Ein internationaler Austausch von einem halben Jahr sollte es werden. Nach zwei Monaten rief er seine Chefin an und sagte: «Ich komme nicht mehr zurück, ich bleibe in China.» Dann hat er sich selbstständig gemacht. Seither konzipiert und designt er verschiedenste Produkte.

Zum Beispiel einen Cocktail. Baijiu ist der Schnaps, der auf der ganzen Welt am meisten getrunken wird. Man kennt ihn aber fast nur in China. Der Geschmack ist sehr streng. Für Ausländer ein Erlebnis, an das man sich zuerst gewöhnen muss. Für eine schwedische Agentur entwickelte Quarroz einen Cocktail, der mit dem chinesischen Schnaps gemischt werden kann. Zu Hause hat er mit seinen Freunden unterschiedlichste Dinge zusammengemischt. Bis er den Baijiu mit Campari gemixt hat. Ein neuer Cocktail entstand. Und die schwedische Agentur und deren Kunde Campari China fanden es toll.

Heute wohnt der 34-jährige Didier Quarroz in Hangzhou, eine Stunde mit dem Schnellzug von Schanghai entfernt. Dort hat es einen schönen See, viele kleine Berge und «nur acht Millionen Einwohner», sagt er. Hangzhou ist die Hauptstadt des Tees in China. Ein Grund, weshalb er umgezogen ist.

Traditionen entstehen lassen

Auf die Idee für sein jetziges Projekt kam er, als er mit seiner Schwester in einem modernen Teehaus im 90. Stock eines Hochhauses sass. Seine Schwester bestellte einen taiwanesischen Oolong-Tee. Die Servicekraft servierte ihn, und beim Zubereiten drehte sie die zwei aufeinandergelegten Tässchen zügig um. «Ich dachte, das sei ein Gag für die Touristen. Habe dann aber herausgefunden, dass es eine taiwanesische Tradition ist.» Daraus entwickelte der Produktdesigner ein Tee-Set. «T-Flip» heisst das Projekt. Und so, wie der Name sagt, steht die schnelle Drehung bei der Zubereitung des Tees im Zentrum. Das Ganze funktioniert so: Man legt ganze Teeblätter in den Glaskrug, leert heisses Wasser drüber und nach der Ziehzeit legt man ein Glas über den Krug, dreht das ganze um 180 Grad und zieht den Krug hoch. Und langsam rinnt der fertige Tee in das Trinkglas.

«Nach sechs Monaten muss ich sagen, dass es viel komplizierter ist, als ich am Anfang gedacht habe. Der Prototyp ist deshalb immer noch in der Finalisierung», sagt Quarroz. Er will die Leute von den Teebeuteln wegbringen. «Die Qualität von Teebeuteln ist relativ schlecht, denn darin sind nur gebrochene Blätter.» Das bedeute gleichzeitig weniger Aroma und weniger Nährstoffe. Mit ganzen Teeblättern sei der Geschmack viel intensiver. Der Designer möchte neue Traditionen entstehen lassen und mit den verschiedenen Kulturen spielen. «Es ist komplex, die chinesische Teezeremonie zu lernen und zu verstehen. Diese Angst, etwas falsch zu machen, will ich den Leuten wegnehmen.»

Plötzliche Ernüchterung

Um mit der Produktion loszulegen, muss nicht nur der Prototyp fertig werden, sondern auch das Crowdfunding erfolgreich sein. Um das Tee-Set zu produzieren, braucht es in der Fabrik mehrere Gussformen, die rund 12 000 Franken kosten. Mit dem Crowdfunding will er erfahren, ob die Nachfrage überhaupt besteht. Erst dann will der Unternehmer richtig loslegen. Um sich in der Geschäftswelt in Chinas Metropolen durchzuschlagen, ist er auch auf die Hilfe von Freunden angewiesen. Etwa mit der fremden Sprache. Erhält er einen Anruf, weiss er manchmal nicht, ob es etwas Wichtiges oder nur Werbung ist. Die fremde Sprache war auch der Grund, weshalb er nach einigen euphorischen Monaten in China plötzlich ernüchtert ist.

Beginne man etwas Neues, sei man zuerst immer aufgeregt. Nach acht Monaten in Schanghai kam aber vieles ins Stocken. «Mit der Sprache ging es nicht vorwärts, mit der Umweltverschmutzung kam ich nicht mehr klar. Alles war immer kompliziert und gab Ärger.» Das habe sich wieder eingependelt. Jetzt nehme er in Kauf, dass gewisse Dinge einfach länger dauern.

Chinesisches Fondue

«Irgendwann komme ich vielleicht schon wieder zurück in die Schweiz. Jetzt geniesse ich aber das Leben in einer fremden Welt», sagt Quarroz. «Ich habe an der Uni und beim Arbeiten in der Schweiz viel gelernt und wollte, um neue Erfahrungen zu sammeln, raus in die Welt.» Und auch wenn er 9000 Kilometer von seiner Heimat entfernt ist, begegnen ihm manchmal Dinge, die er eigentlich von zu Hause kennt. So etwa das Fondue Chinoise. Im Gegensatz zur Schweizer Weihnachts-Variante steht im Original jedoch ein riesiger Topf in der Mitte des Tisches. Und darin landet alles Mögliche: Gemüse, Nudeln, Fleisch und Tofu. «Wenn mich Schweizer besuchen, lieben alle die originale Variante des Fondue Chinoise.» Ein Stück alternative Heimat in der Fremde.

Zurück zum grossen Tag. Als David Quarroz nach sechs Monaten Arbeit endlich sein Produkt der Öffentlichkeit vorstellte und das Crowdfunding begann, sendete ihm auf dem Weg zur Arbeit eine Kollegin eine Nachricht: «Es gibt ein Problem mit dem Logo.» Der Designer Quarroz wollte das Logo möglichst simpel halten, hat sich dennoch einiges überlegt. Zu sehen sind zwei kleine Kreuzchen, die miteinander verbunden sind. Inspiriert durch das Kreuz der Schweizerflagge und des chinesischen Zeichens für Tee. Dass diese zwei verbundenen Kreuzchen in der Internet-Kultur Chinas aber auch die Bedeutung «Fuck» haben, wusste er nicht.

Am Anfang ärgerte ihn das. Das Logo will er aber behalten. Wagt man ein Abenteuer in der Ferne, stösst man auf viele Hindernisse. China ist gespickt davon. Hindernisse sind aber auch Stufen, mit denen man in die Höhe steigen kann. Das zumindest hat Friedrich Nietzsche behauptet. Das nächste Hindernis für Didier Quarroz ist es, in den restlichen vier Wochen das Crowdfunding zu meistern. Er wagt den Spagat zwischen den Kulturen, mixt sie zusammen und lässt daraus Neues entstehen.

 
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