30 Jahre Techno

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Brachiale Beats und ekstatischer Tanz – vor 30 Jahren war die Geburtsstunde des Technos. Der «Second Summer of Love» schwappte in den 1990er-Jahren auch ins Wallis. Drei Grössen der Walliser Techno-Szene blicken auf ihren Anfang mit der Musik zurück. Und erzählen, weshalb sie vom Techno-Fieber durchdrungen waren.

 
André Seiler, aka Nemoy, 36, Zürich
 

«Elektronische Musik braucht einen organischen Gegenpol»

«Meine erste Begegnung mit Techno war eine Kassette von einem Nachbar. Die hat so richtig gescherbelt und gescheppert. Ich dachte, cool, was ist das und wo gibt es mehr davon? Vor dem Internet war das nicht so einfach. Um sich solche Kassetten zu besorgen, musste man jemanden aus der Szene kennen. Oder sie wurden an Partys verkauft. Als Viertklässler war ich auf andere angewiesen, die mir ihre Kassetten liehen oder kopierten.

Niemand spielte diese Musik, deshalb landete ich bald hinter dem Mischpult. Im Oberwallis war Mitte der 1990er-Jahre die grosse Zeit der Hangar-Discos. Es liefen AC/DC und BRAVO-Hits, selten auch ein paar Techno-Tracks. Das wars dann aber schon. Das war mir aber natürlich zu wenig.

Damals hatte ich während des Inlineskatens immer ein Techno-Mixtape auf meinem Walkman. Wie absurd ist denn das? Beim Skaten hörte man doch Punk oder Hip-Hop. Und nicht Techno. Ich hörte Techno auch losgelöst von irgendwelchen Aktivitäten, meistens sehr bewusst und analytisch. Techno ist zwar monoton, aber dadurch werden kleinste Details plötzlich riesig gross. Das fand ich sehr interessant. Und ich wollte herausfinden, wie man Techno selber machen kann.

Geld für teure Maschinen hatte ich nicht, so sass ich mit Kopfhörern am Computer meiner Eltern und versuchte, mir die Techno-Musik zu erarbeiten. Ohne Internet und Tutorials musste man alles selber herausfinden. Das machte aber auch den Reiz aus. Ich experimentierte in einer fremden Welt und stellte nichts Dümmeres an!

 

Die Street Parade hatte eine riesige Anziehungskraft auf mich. 1995 ging ich zum ersten Mal hin, eine beeindruckende Erfahrung. Etwa um die Zeit fing ich an, Kassetten mit meinen Eigenproduktionen an Plattenlabels zu schicken. Ein Label aus Basel fand dann: «Das klingt cool, das bringen wir raus!» In den folgenden Jah-ren wurden acht meiner Platten veröffentlicht, einige landeten sogar in den Deutschen Techno-Charts. Daraus ergaben sich viele DJ-Gigs. Mit jungen 16 Jahren stand ich schliesslich selber auf einem Wagen der Street Parade und legte dort auf.

Bald interessierte ich mich für andere Musikrichtungen, machte etwa die Beats für die Briger Hip-Hop-Szene. Da habe ich mich vom Techno entfernt. Vielleicht langweilte mich der Techno sogar, ich weiss es nicht. Durch Techno habe ich aber viel über Musikproduktion und Synthesizers gelernt, wovon ich noch heute profitiere. Für die Hip-Hop-Beats habe ich oft alte Funk- und Soul-Platten gesampelt. Und irgendwann fand ich diese Samples, also die originalen Songs, viel interessanter.

Ein Virus aus meiner Techno-Vergangenheit hat mich bis heute nicht losgelassen: Das Plattensammeln. Um uns mit neuer Musik einzudecken, machten wir Ausflüge in die Stadt. Nach Bern, Zürich oder Lausanne. Heute habe ich rund 3500 Platten, wovon nur etwa 300 Technoplatten sind, aber mit Techno hat alles angefangen.»


Christoph Gravina, aka Gravina, 39, Savièse
 

«Auflegen ist für mich ein Ausbruch aus dem Alltag»

«Meine Anlage steht jetzt wieder da, wo sie ganz am Anfang war: im Keller meiner Mutter.»

1994 hockten zuhinterst im Schulbus die Leute, die AC/DC gehört haben. Und da gab es einen Kollegen und mich, wir hörten Techno-Mixtapes. An vielen Wochenenden legten im bernischen Roggwil die bekanntesten DJs auf. Die Mitschnitte hörten wir auf dem Schulweg. Wir wollten aber unbedingt erfahren, wie die Musik vor Ort funktionierte, also fuhren wir dorthin. Und waren fasziniert.

Bald kaufte ich mir mein Material zusammen: Einen Ecler-Mixer und zwei MKII Technics-Plattenspieler. Zwei Klassiker, die man heute noch in vielen Clubs findet. Zu Hause habe ich zwei bis drei Jahre lang geübt, Mixtapes aufgenommen und versucht, sie in Plattenläden zu verkaufen.

Unsere erste Party war dann Ende 1996 im Reitstall in Susten. Über 100 Leute kamen und waren begeistert. Wir wollten eine zweite Party machen, die Flyer und alles waren schon gedruckt. Aber 24 Stunden vorher hat die Polizei alles abgeblasen. Danach haben wir praktisch an jedem Wochenende im Briger «Nautica» aufgelegt. Direkt danach ging es im «Crazy Palace» weiter. Es entwickelte sich im Oberwallis ein harter Techno-Kern von 70 bis 80 Personen, die an jedem Wochenende auf unseren Partys tanzten. Im «Crazy Palace» waren an jedem Wochenende um die 150 Leute. Und in Siders organisierten wir regelmässig Partys mit bekannteren DJs. Einige bestellten wir aus Stockholm, Budapest und der Deutschschweiz nach Siders. Da kamen bis zu 800 Techno-Freaks. Dank uns war etwas los in der Szene. Wir waren die ersten, die im Oberwallis Detroit-Techno, Chicago-House und Jungle gespielt haben.

 

1998 organisierte Serge Imhof, der als DJ Fallovie den Durchbruch schaffte, einen DJ-Con-test in Brig. Rund 20 Leute machten mit und legten rund ein Dutzend Platten auf. Ich konnte den Contest gewinnen. Das Auflegen war für mich das Grösste. Ich fing irgendwo an, nahm das Publikum mit auf eine Reise bis alle ausflippten. Selber brauchte ich eine Weile bis ich voll drin war. Dann konnte ich jede Platte auflegen, und es passte einfach alles. Weiss man, was die Leute wollen, ist es ein leichtes Spiel. Jede Woche fuhr ich in die Plattenläden, hörte alle neuen Platten durch und legte sie noch am gleichen Abend auf. Heute habe ich rund 4000 Vinyls, vor allem Techno und House. Ich habe aber alle Stile durchgemacht: Von Trance zu Hardcore und Gabber. Ich bin sehr auf die USA ausgerichtet, der Techno aus Detroit, Grössen wie Juan Atkins, Jeff Mills und Kevin Saunderson haben mich stark beeinflusst.

Drogen und Techno waren in den 1990er-Jahren im Wallis stark verknüpft. Ich war eine absolute Ausnahme, die meisten Leute rund um mich haben Drogen konsumiert. Ich ging nur wegen der Musik feiern, vielleicht war ich auch ein wenig naiv. Immer wieder musste ich auch für andere DJs einspringen, weil sie zu viele Drogen reingeschmissen haben. Vor allem Ecstasy war damals immer im Umlauf. Die Partys waren reine Freiheit.

Heute lege ich fast nur noch für mich auf. Meine beiden Kinder wissen von all dem nichts. Ich werde es noch eine Weile geheim halten. Ich will nicht, dass sie so wie wir bereits mit 15 Jahren auf irgendwelche Raves fahren. Auflegen ist für mich, wie ein Buch zu lesen: Ein Ausbruch aus dem Alltag. Wenn ich gestresst bin, fahre ich nach Susten und lege im Keller meiner Mutter ein paar Stunden auf. Bei meinen Sets suche ich heute die reine Perfektion. Einen grossen Traum habe ich noch: Ich möchte einmal im Club der Visionäre in Berlin auflegen. Nachher hänge ich meine DJ-Karriere wohl an den Nagel. »


Jonas Schmidhalter, aka Jonas, 29, Berlin
 

«Platten sind immer noch das schwarze Gold»

«Ohne Techno wäre ich heute nicht in Berlin. Zumindest für Europa ist Berlin die Hauptstadt des Technos. Nirgendwo sonst gibt es so viele, so unglaublich gute Clubs.

Die Szene hier ist einfach riesig gross, und das Publikum ist durchdrungen von Techno. Aber als DJ und Produzent ist auch die Konkurrenz riesig.

Angefangen hat bei mir alles, als ich 17 war. Ich fuhr nach Lausanne und wollte das DJ-Duo Tiefschwarz hören. Den ganzen Abend habe ich auf den einen Song gewartet. Gespielt haben sie ihn nicht, es war aber trotzdem ein aufregendes Erlebnis.

Danach ging es schnell. Ich ging fast jeden Tag zu einem Kollegen, der auch in Ried-Brig wohnte und ein totaler Musikfreak war. Er hatte ein komplettes Studio zu Hause, und wir begannen, selber Musik zu produzieren. Ein, zwei Jahre später habe ich begonnen aufzulegen. Ich trat dem Walliser Label el azra bei. Zusammen haben wir als Gruppe viele Partys organisiert: Zuerst im «Crazy Palace», später im «Perron 1» und immer wieder die «Bewegbar» am Open Air Gampel.

Mit 23 zog es mich zum ersten Mal nach Berlin. Ich ging immer häufiger in die Techno-Hauptstadt bis ich irgendwann sagte: Wieso bleibe ich nicht einfach hier? Jetzt wohne ich bereits fünf Jah-re hier, und meine Freunde, vor allem aber auch die Musik, wird mich noch eine Weile hierbehalten. Um hier als DJ und Produzent zu überleben, muss man sich durch-setzen können. Viel läuft über das Netzwerk, und alles ist sehr schnelllebig. Einen neuen Song spielt man drei, vier Mal, dann ist er auch schon durch. Ich legte und lege aber mehr Wert auf das Produzieren.

Beim Produzieren von Techno-Musik fasziniert mich, die Rhythmik zu finden, mit sehr minimalistischen, aber sehr präzisen Sequenzen zu arbeiten. Alles muss aufeinander abgestimmt sein: Alleine sind die Elemente nichts, erst in der Kombination entsteht die Musik. Diese Kombination zu finden, ist eine ziemlich grosse Herausforderung. Ein paar Platten durfte ich schon veröffentlichen, und ich hoffe, da kommen noch einige dazu. Immer wieder hört man, Techno sei monotone Musik. Das hängt aber davon ab, wie tief man in der Musik drinsteckt. Techno versteht man erst, wenn man hinter die Kulissen sieht.

Als DJ ist das Spannendste, zu sehen, wie alle Schichten zusammenkommen. Im Club sind die Klassenunterschiede komplett weg. Alle Leute verstehen sich, tanzen miteinander und haben eine gute Zeit zusammen. Man geht in der Masse auf und im Tanzen verloren. Stimmt die Musik, kann man die Augen schliessen und sich auf der emotionalen Ebene berühren lassen. Man kann vom Alltag loslassen, man vergisst die Welt ausserhalb des Clubs. Drogen und Techno gehen in Berlin sehr nahe zusammen. Die meisten Clubgänger haben aber nicht einen exzessiven, sondern einen bewussten Umgang damit.

 

Ich mag besonders den melo-diösen Minimal, so etwa im Club der Visionäre oder in der Panoramabar, von Künstlern wie Riccardo Villalobos oder Petre Inspirescu. Meine Plattensammlung hat mittlerweile zu Hause zu wenig Platz, deshalb lagert ein Teil jetzt bei einem Kollegen. Die Platten sind immer noch schwarzes Gold. Man sagt immer: mit USB und CDs kann jeder auflegen. Mit Platten aber ist es immer noch ein Handwerk. Es ist schwieriger, mit Platten aufzulegen und macht zudem viel mehr Spass. Im Club will ich den Leuten ein so schönes Gefühl geben wie möglich. Und ich will Musik spielen, die mir selber gefällt. Als DJ ist es eine stetige Herausforderung, möglichst schöne Übergänge zu machen und etwas Neues entstehen zu lassen. Es ist die ständige Suche nach dem perfekten Weg, zwei Lieder miteinander zu verschmelzen.»

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