Die wahren Helden des Klein Matterhorn

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Mit Pomp und Prominenz wurde die 3S-Bahn auf das Klein Matterhorn Ende September eingeweiht. Wir zeigen die wahren Helden, die in den letzten drei Jahren mehr Zeit auf dem Klein Matterhorn verbracht haben als zu Hause in der warmen Stube.

Das Mobiltelefon klingelt. Klaus Gitz steckt den Stöpsel in sein Ohr, hört eine Sekunde zu. Und fragt dann: «Wer will was von mir?» 70 bis 80 Mal pro Tag klingelte sein Handy in den letzten Monaten. Klaus Gitz ist Polier auf der höchsten Baustelle Europas. Und er kann sich keinen besseren Arbeitsplatz vorstellen.

Er steht auf dem Dach der Bergstation des Klein Matterhorn. Der Baukran ragt in den stahlblauen Himmel. In den letzten zehn Jahren ist das Klein Matterhorn zu seinem Zuhause geworden. Es ist sein Berg. «Ich rege mich auf, wenn ich hier weg muss», sagt er. Mit seinen Arbeitern hat er das Restaurant erbaut, den Tunnel aus dem Berg gehauen. Und seit drei Jahren arbeitet er an der 3S-Bahn, die vom Trockenen Steg auf das Klein Matterhorn führt.

«Wegen der dicken Kleidung sahenwir aus wie Michelin-Männchen»

Martin Schlumpf

Vor rund drei Wochen ist die neue 3S-Bahn, die auf das Klein Matterhorn fährt, eingeweiht worden. Zermatt putzte sich heraus, zeigte sich von seiner schönsten Seite und war stolz auf ihr 60 Millionen Franken teures Projekt. Die Prominenz kam, liess sich im Blitzlichtgewitter ablichten und durchschnitt feierlich das rote Band. CEO, Staatsräte und Bundesrätin Doris Leuthard strahlten beim Anblick der neuen Bahn.

Man sprach von dem Ferrari-Designer, der die Gondeln konzipierte, von den Swarovski-Kristallen, die von den Gondeln blitzen und von Freddy Nock, der auf den Seilen balancierte. Aber man sprach wenig über die Arbeiter, die in den letzten drei Jahren auf 3883 Metern über Meer gekrampft und gezittert haben. Das ist ihre Geschichte.

Die Kälte

Hammerschläge hallen durch den Tunnel, Rauch liegt in der Luft. Arbeiter schweissen die letzten Gerüste, Funken sprühen, es riecht nach Eisen. Drei Wochen, nach denen die Berg- und Talstation blank geputzt war, herrschen nun wieder die Bauarbeiter über ihre Station. Die Gondeln hängen still an ihren Seilen und warten auf den Winter. Dann werden sie pro Stunde bis zu 2500 Personen auf den Berg transportieren. Eine Hebebühne ragt in der Eingangshalle in die Höhe, ein Maler klebt seine letzten Arbeiten ab.

Meterhohe Eiszapfen hängen am Felsen. Die Luft auf dem Klein Matterhorn fühlt sich an wie in einem Tiefkühler. Und auch an sonnigen Tagen im Herbst ist die Temperatur hier über 20 Grad tiefer als in Visp.

Im Winter gehen die Temperaturen regelmässig bis minus 30 Grad. «Wir hatten Temperaturen von bis zu –38 Grad. Solange man sich bewegt und arbeitet, geht es. Wegen der dicken Kleidung sahen wir aus wie Michelin-Männchen», sagt Martin Schlumpf. Nach der Arbeit gehe man bei diesen Temperaturen ein Z’Nacht essen und ab ins Bett. Nach zehn Stunden sind die harten Kerle weichgespült.

Klaus Gitz sagt, sie hätten hier oben zu kalt, wie alle anderen Leute auch. «Wir haben gute Kleider. An den Händen und an den Füssen hat man bei solchen Temperaturen einfach immer zu kalt. Mit der Zeit lernt man, sich auf die Arbeit zu fokussieren und die Kälte auszublenden.»

Dazu kommt noch der viele Schnee, der in diesem Sommer gefallen ist. «Das Frühjahr war wirklich himmeltraurig. Als wir am Montag auf die Baustelle kamen, mussten wir fast immer zuerst die gesamte Baustelle freischaufeln. Aber die Chefs hatten den Termin im Kopf und wollten es durchziehen. Da gab es keine andere Möglichkeit, als die Schaufel in die Hand zu nehmen und loszulegen», sagt Gitz.

Die Höhe

Während die Arbeiter aus der Schweiz mit der letzten Bahn wieder nach Zermatt fahren, übernachteten die italienischen Arbeiter auf dem Klein Matterhorn. Vier Zimmer für je acht Personen hat es hier oben. Für Martino Orlarej aus dem Piemont ist der Berg nicht nur Arbeitsort, sondern auch Ort des Feierabends geworden. Er habe hier oben nicht gut geschlafen, sagt er auf italienisch. «Ich bin in der Nacht sehr häufig aufgewacht. Langfristig in dieser Höhe zu schlafen, ist wohl nicht gut für die Gesundheit», sagt er.

«Die Pumpe gehthier oben einfach anders. Die Arbeit zehrt mehr Energie»

Klaus Gitz

Was er denn nach dem Feierabend gemacht habe? «Niente», sagt er knapp. Es habe keinen Fernseher, nur Internet. Und am Abend nehme man die Probleme von der Baustelle direkt nach Hause.

Auch Klaus Gitz sagt, dass es wohl besser für die Gesundheit ist, wenn man am Abend wieder zurück ins Tal fährt. Denn nicht wenige Leute haben Probleme mit der dünnen Luft auf fast 4000 Metern über Meer. Es gebe immer wieder Arbeiter, die nach einer Woche sagen, dass sie die Höhe nicht vertragen. Und es gibt Tage, da hat sogar der erfahrene Klaus Gitz immer noch Mühe mit der Höhe. «Wenn ich mich hier oben aufrege, merke ich rasch: Ich bin nicht im Tal. Die Pumpe geht hier obeneinfach anders. Die Arbeit zehrt mehr Energie.»

In dieser exponierten Lage bläst den Arbeitern immer wieder der Wind um die Ohren. Andreas Heimann ist Polier bei Gasser Felstechnik. Und einen Tag wird er so schnell nicht wieder vergessen; «Ich stand mit einem Kollegen hier oben und wir haben zusammen das Steinschlagwerk installiert. An dem Tag ging ein Wind von rund 130 Kilometern pro Stunde. Und obwohl wir direkt nebeneinanderstanden, konnten wir nur über Funk miteinander kommunizieren. Das war unglaublich. Vom Wetter her war es für mich bisher die härteste Baustelle», sagt Heimann.

Der Transport

Martino Orlarej steckt in einem roten Überanzug, hat dicke Handschuhe an. In der einen Hand hält er einen Funk, in der anderen ein Steuergerät. Er drückt auf einen Knopf und die Seilbahn beginnt, sich zu bewegen. Ein paar Minuten vergehen. Der Italiener schaut in die Weite. Seine Heimat kann er nicht sehen, ein dicker Nebelteppich hängt über Italien. Ganz langsam schiebt sich der Nebel in Richtung Schweiz. Trifft er auf den Grad, fällt er auf die Schweizer Seite und fällt nach unten. Wie ein Wasserfall in Zeitlupe. Dahinter ragt das Matterhorn in den Himmel.

Nach ein paar Minuten kommt die kleine Seilbahn an. Wie bei einem Kran kann Orlarej vom Boden den Seilzug betätigen. Eine kleine dunkle Rauchwolke steigt in die Luft und die zwei Gasflaschen, die daran angehängt sind, bewegen sich in Richtung Boden, bis sie auf dem Schnee aufsetzen.

«Der Transport war eine der grössten Herausforderungen», sagt Martin Schlumpf. Für den 34-Jährigen, der bei der Seilbahnunternehmung Leitner angestellt ist, war es eine der grössten Baustellen, auf denen er bisher gearbeitet hat. «Bei allen drei Stützen, besonders aber bei der obersten, mussten wir uns fragen: ‹Wie bringen wir die 120 Tonnen Stahl an den richtigen Standort?› Dafür wurde extra eine eigene Materialseilbahn von der italienischen Seite gebaut. Damit haben wir den Stahl heraufbefördert und diesen dann mit den Pistenfahrzeugen und Schlitten auf den Gletscher geschleift. Bis jedes Teil am richtigen Ort war, brauchte man ein ausgeklügeltes logistisches Konzept. Rund 80 Prozent des Materials konnten mit der Materialseilbahn heraufbefördert werden. Trotzdem waren über 6000 Helikopterflüge für den Bau nötig. So etwa für die 25 Gondeln.»

«Vom Wetter herwar es für mich die härteste Baustelle»

Andreas Heimann

An der Einweihungsfeier Ende September war die Anlage nur mit gewissen Auflagen in Betrieb. Nun gilt es fürdie Techniker von Leitner, wie etwa für Florian Niederegger aus dem Tirol, die Auflagen abzuarbeiten und die Feineinstellungen zu machen. Bis nächsten Dienstag soll dies erledigt sein. Undam darauffolgenden Wochenende soll die 3S-Bahn für das Publikum eröffnet werden.

Die Sorgenkinder

Die Planung begann bereits im Jahr 2012. Fünf verschiedene Varianten wurden damals ausgearbeitet. Und nun steht sie fast fertig da. Berg- und Talstation ordnen sich schlicht in ihre Umgebung ein. Innen besteht vieles aus Holz. Die Fassaden sind draussen mit Solarpanels verkleidet. Und sitzt man in einer der Gondeln, fühlt es sich fast an, als würde man Zuhause vor dem Fernseher sitzen und eines der schönsten Bergpanoramas der Welt betrachten. Und zwar in Full-HD.

Doch bis die Bahn in dem Glanz dastand, gab es einige Herkulesaufgaben zu meistern. Schaut man aus der Distanz auf die Bergstation, fällt auf, dass ein Drittel des Gebäudes auf Fels steht. Und der Rest hängt frei in der Luft.«Das bereitete mir schlaflose Nächte», sagt Klaus Gitz. Und auch der zweite Mast bereitete ihm Sorgen. «Der tiefste Fuss ragt 23 Meter in den Boden. Da mussten zuerst rund 18 000 Kubikmeter ausgehoben, die Betonkonstruktion gefertigt und das ganze wieder zugedeckt werden.»

Zudem sei die Temperatur beim Betonieren entscheidend. «Eigentlich sollte man unterhalb von –10 Grad nicht mehr betonieren. Je nach Luftfeuchtigkeit kann man aber sogar noch bei –15 Grad betonieren», sagt Klaus Gitz. Das sei nicht für die Ohren in Visp, denn die stellen den Bau bei –5 Grad ein. «Hätten wir den Bau ebenfalls bei –5 Grad eingestellt, wären wir noch heute nicht fertig», sagt Gitz und lacht.

Die Arbeitsmoral

Was auf der Baustelle auffällt: Die Arbeiter sind gut drauf, lachen viel. Und sind stolz auf die fast fertige Anlage. Viele sprechen davon, dass es zwar die härteste Baustelle in ihrer Karriere gewesen sei. Aber die Spannendste. Und alle reden bereits von der nächsten Bahn, die von der italienischen Seite auf das Klein Matterhorn führen soll.

«Extreme Situationen kann man nur zusammen meistern. Die Dynamik, die hier oben unter den Arbeitern entstand, war unglaublich», sagt Martin Schlumpf. «Hier oben schafft man es nur, wenn man wirklich will», sagt Klaus Gitz.Seit zehn Jahren hat er fast immer die gleichen Arbeiter mit sich. Und wenner ihnen bei schlechtem Wetter mal sagt, sie sollen den Tunnel aufräumen, reicht ihnen das nicht. «Die Arbeiter wollen schalen, betonieren. Sie sind ‹Chrampfer›.»

Als Polier ist er für eine Gruppe wie ein Coach. Manchmal muss er sie anfeuern. Bei schönem Wetter lässt er sie machen. Bei schlechtem Wetter steht er neben ihnen. Aus Solidarität, wie er sagt. Und, um sie zu bremsen. «Krank im Bett bringen mir die Arbeiter nichts.»

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