Die Meisterin auf dem Bau

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Als Kind hat sie noch mit Lego gespielt. Heute leitet sie einige der grössten Baustellen im Kanton. Sandra Imboden ist die erste Baumeisterin im Wallis. Der WB hat sie auf der Chinegga-Brücke in Stalden getroffen, wo sie die Männer im Griff hat.

Als Schülerin sollte Sandra Imboden einen Vortrag halten zu dem Thema: Ein Bauwerk, das mir besonders imponiert. Vor der Klasse stand sie dann und sprach über die Seilbahn, die von Trockener Steg auf das Klein Matterhorn fährt. Gebaut wurde die Bahn von ihrem Grossvater Martin.

20 Jahre später hat Sandra Imboden ihre erste Baustelle als Baumeisterin abgeschlossen. Ganz wie ihr Grossvater wagte sie sich auf fast 4000 Meter über Meer und leitete die höchste Baustelle Europas: die neue 3S-Bahn auf das Klein Matterhorn.

Als Baumeisterin ist sie jeweils für mehrere Baustellen gleichzeitig zuständig. Ihr derzeit spektakulärstes Projekt ist die Chinegga-Brücke in Stalden, wo sie an einem Novemberdienstag ihren Polier treffen will.

Nur ein Job auf der Baustelle

Der Regen tröpfelt leise auf ihren weissen Schutzhelm, das Orange ihrer Warnweste hebt sich ab vom Grau der Wolken und vom Grau des Betons. Sie spricht mit ihrem Polier Philipp Zenhäusern, sie tauschen sich aus und planen die angebrochene Woche. Im Fahrmischer trommelt der Beton, am Kran hängt ein gelber Betonkübel. Ein Pfeiler steht noch allein da und wartet darauf, mit der Brücke verbunden zu werden. Das Bauwerk deutet seine Form bereits an, bis hier das erste Auto rüberrollen wird, dauert es allerdings noch einige Jahre. Schon früh wusste Sandra Imboden, dass sie dorthin gehört, wo es staubt. «Als kleines Mädchen ging ich immer wieder mit meinem Vater Georges auf die verschiedenen Baustellen. Er hat mir alles gezeigt und erklärt. Ich fand das wahnsinnig spannend. Ja, ich war einfach fasziniert davon, wie solche grossen Projekte entstehen», sagt Imboden, die in Zermatt aufgewachsen ist und heute in Termen wohnt.

«Es ist egal, ob man eine Frau oder ein Mann ist. Was zählt, ist die Kompetenz»

Sandra Imboden, Baumeisterin

Der Schutzhelm und die Leuchtweste wurden ihr also quasi in die Wiege gelegt. «Als Kind habe ich auffallend häufig mit Lego gespielt», sagt sie und lacht sympathisch. Sie hat dann zunächst Hochbauzeichnerin gelernt. «Ich habe nie an andere Berufe ausserhalb von Baustellen gedacht», sagt sie. Heute arbeitet sie in vierter Generation bei der Ulrich Imboden AG. Und man sieht, dass nicht nur die Baustellen sie im Griff haben, sondern auch sie die Baustellen.

Zwischen Papier und Staub

Von der Besucherplattform schaut sie runter auf die halbe Brücke, hat im Blick, wie ihre Arbeiter betonieren und bohren, verschalen und Gerüste aufbauen. Weiter unten, tief in der Schlucht, wo sich das Wasser der Vispa seinen Weg ins Tal bahnt, sind ihre Arbeiter nur noch als kleine, orangene Punkte zu erkennen. Das schlechte Wetter mache ihr nicht wirklich was aus, sagt sie, auf dem Klein Matterhorn seien die Bedingungen noch viel extremer gewesen. Aber auch das erzählt sie, ohne sich zu beklagen. Ganz im Gegenteil. Optimistisch fügt sie an, dass im Wallis ja häufiger die Sonne scheine, als dass Regen vom Himmel falle. Sie wolle einfach nicht zu lange im Büro sitzen bleiben, irgendwas zieht sie raus auf die Baustelle. Der Mix aus Papierstapeln mit Rechnungen und Baustellen mit Beton und Staub sei für sie perfekt.

Stolz auf ihren Titel

Unten auf der Baustelle muss sie viele Fragen beantworten, Probleme lösen, ihre Meinung zählt, sie hat das Sagen. Hier oben auf der Aussichtsplattform hat sie Zeit für ein paar ruhige Gedanken. Auf dem Campus in Sursee, Kanton Luzern, in ihrer Ausbildung zur Baumeisterin, war sie die einzige Frau in der Klasse. Insgesamt gibt es in der Schweiz erst eine Handvoll Baumeisterinnen, im Wallis ist Sandra Imboden sogar die erste.

«Ich bin sehr stolz darauf, dass ich den Titel Baumeisterin tragen darf. Es war eine strenge Zeit. Die Abschlussprüfungen waren eine Achterbahnfahrt, wir hatten extremen Zeitdruck und es war schwierig, die Emotionen im Griff zu behalten und sich völlig auf die Prüfung zu fokussieren», sagt sie. Stolz ist sie besonders auf ihren Titel. Und nicht, dass sie das als Frau geschafft hat. Und auch nicht, dass sie im Wallis die erste Baumeisterin ist. Anstatt über ihr Geschlecht redet sie lieber über die Technik, über die spannenden Baustellen und über Probleme – immer auf der Suche nach Lösungen. Den Fakt, dass sie sich als Frau in einer Männerdomäne durchsetzt, schüttelt sie mit einem Schulterzucken ab. «Es ist egal, ob man eine Frau oder ein Mann ist. Was zählt, ist die Kompetenz», sagt sie. Sie könne ja nichts dafür, dass sie einen Job mache und sich für eine Welt interessiere, die den Frauen halt häufig fremd seien. Auch wenn sie sich manchmal über die Diskussion ärgert und sich nervt, weiss sie, dass dies wohl die Qual der Pionierin ist.

Respekt für die Arbeiter

Stellt sie sich im Privaten als Baumeisterin vor, sind viele Leute sehr überrascht. Probleme hat sie damit aber nicht. Auch nicht, dass sie in Baustellensitzungen immer die einzige Frau ist neben mehr als einem Dutzend Männern. Sie hat die Männer im Griff: «Ich weiss nicht, ob es für Frauen schwieriger ist, sich gegenüber den Arbeitskollegen durchzusetzen. Auch ein junger Baumeister muss sich zuerst beweisen», sagt Imboden. Und dann gibt sie doch zu: «Vielleicht zweifelten einige Arbeiter schon ein wenig mehr an mir, als wenn ein Mann vor ihnen gestanden wäre. Das war mir aber egal. Ich gab einfach mein Bestes.»

Sandra Imboden steigt wieder vom Gerüst herunter und läuft über die Chinegga-Brücke. Der rote Kran über ihr läutet, knarzt und setzt sich in Bewegung. Ihr Polier Philipp Zenhäu-sern kommt auf sie zu. Sie reden über Bestellungen und Lieferscheine und nach einem Wortwechsel ist nur noch das schallende Lachen des Poliers aus Bürchen zu hören.

«Sandra ist eine sehr kollegiale Frau. Sie weiss, wie man mit den Arbeitern reden muss, sie nimmt sie wahr und gibt ihnen nie das Gefühl, dass sie nur Handlanger sind, die den ganzen Tag herumhämmern», sagt Zenhäusern. Sie zeige den Arbeitern stets Respekt und gehe sehr menschlich mit ihnen um. Vielleicht etwas, was Frauen besser können als Männer. Die Baumeisterin nimmt diesen Punkt auf und sagt, dass Respekt auf der Baustelle wichtig sei. «Ohne die Arbeiter würde nichts funktionieren, kein Gebäude würde entstehen. Wir müssen möglichst gut miteinander umgehen.»

Rauen Umgangston verfeinern

Bereits in der Ausbildung zur Baumeisterin hätten die Dozenten ihr immer wieder gesagt, dass sie es sehr schätzen, wenn eine Frau in der Klasse ist. «Die Dozenten fanden, dass ich eine gewisse Ruhe in die Klasse bringe. Ist eine Frau auf der Baustelle, wird nicht mehr die raue Sprache an den Tag gelegt», sagt sie. Da stimmt auch der Polier Zenhäusern zu: «Frauen verfeinern die Stimmung und den Umgangston auf der Baustelle. Das tut uns allen sehr gut.»

In der Führung seien Frauen sehr hartnäckig. «Frauen können sehr gut verhandeln, da sie sprachlich gewappnet sind», sagt Imboden. Sie würde sich aber auch freuen, wenn sie mehr Frauen auf den Baustellen antreffen würde. «Ich empfehle jungen Frauen die Arbeit auf dem Bau. Es würde allen guttun, wenn mehr Frauen mitmischen», sagt sie.

Strenge Arbeit, viel Verantwortung und lange Arbeitstage – Faktoren, die die Baumeisterin auch mal zweifeln lassen. «Es hätte auch einfachere Wege gegeben», sagt sie. Und obwohl sie viel Verantwortung tragen müsse, könne sie gut abschalten. Schlafen tue sie gut. Der Job sei spannend, herausfordernd und abwechslungsreich – und das überwiege. «Ich möchte mich in keinem anderen Beruf vorstellen», sagt sie und schwenkt den Blick auf die Brücke, die unter ihrer Verantwortung entsteht, auf ein Bauwerk, das imponiert.

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