Die Politikerin der Liebe

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Gabrielle Nanchen war 1971 die erste Mutter im Bundeshaus. Die erste Walliser Nationalrätin und Autorin setzt sich heute dafür ein, männliche und weibliche Werte zu vereinen. Sie hofft, dass sich Viola Amherd als Frau im Bundesrat dafür einsetzen wird.

«Das Leben ist ein Weg», sagt Gabrielle Nanchen. Und auf diesem Weg war die heute 75-Jährige ihrer Zeit stets ein paar Schritte voraus. Sie studierte Politik und Soziologie, als Frauen noch gar nicht politisch mitbestimmen durften. Mit 28 Jahren trat sie als Nationalrätin unter die Kuppel im Bundeshaus, das war 1971, im Jahr, als Frauen zum ersten Mal schweizweit an die Urne durften.

Sie sitzt in der Bibliothek Les Arsenaux in Sitten, hat einen wachen Blick und frische Gedanken. Hinter ihr stehen Tausende Bücher, das Gedächtnis der Vergangenheit. In den Geschichtsbüchern hätte Gabrielle Nanchen beinahe ein zweites, wichtiges Kapitel erhalten. Im Jahr 1977 ist sie als erste Frau in den Walliser Staatsrat gewählt worden. Wegen der Bezirksklausel musste sie aber dem freisinnigen Arthur Bender, der weniger Stimmen erhalten hatte, ihren Sitz übergeben. So dauerte es 40 Jahre, bis Esther Waeber-Kalbermatten als erste Frau in die Kantonsregierung eintrat. Die Schweiz sei ein langsames Land. «Und das Wallis nicht der progressivste Kanton», sagt Nanchen heute.

Viola Amherd (rechts) und die erste Staatsrätin des Kantons Wallis Esther Waeber Kalbermatter

Seit gestern hat das Wallis erstmals eine Frau an der Spitze der Eidgenossenschaft: «Ich bin sehr glücklich, dass Viola Amherd gewählt wurde. Einerseits als Walliserin und andererseits als Frau», sagt Gabrielle Nanchen. «Ich glaube, sie wird viel bewirken können.»

Eine weibliche Politik

Gabrielle Nanchen hat sich zeit ihres Lebens mit der Rolle der Frau beschäftigt. In ihrem eigenen Leben und in zahlreichen Büchern. Sie war die erste Mutter im Bundeshaus und fuhr mit ihrem jüngsten Kind auf dem Arm nach Bern. Als sie dort einmal ans Rednerpult treten sollte, gab sie ihr Kind ihrem Nationalratskollegen René Felber. Am Mikrofon setzte sie sich für das flexible Rentenalter, für einen Elternurlaub und für die Abschaffung des Saisonnier-Statuts ein.

In ihrem Buch «Liebe und Macht» schrieb sie 1990, dass die meisten Politiker wegen der Gier an Macht in die Politik einsteigen. Sie selber bewegte sich einige Jahre in den Zirkeln der Macht. Und es hat ihr gefallen. «Ich hatte den Eindruck, ungeheuer geliebt zu werden. Von einem ganzen Land geliebt zu werden. 30 000 Personen, die für mich stimmten, waren 30 000 Personen, die mich liebten», heisst es in dem Buch. Erst später merkte sie, dass es nicht Liebe war. Nicht sie wurde geliebt, sondern die Macht, die man ihr zuschrieb.

Für sie ist dies ein Unterschied mit Bedeutung: Männer wollen ihre Kraft beweisen. Frauen wollen geliebt werden. Später schreibt Nanchen, dass Feministinnen lange Zeit die männliche Macht erobern wollten, viele von ihnen fühlten sich nicht wohl. Anstatt die Macht zu erobern, könnten Frauen die Macht aber entglorifizieren und fragen: Was will ich mit der Macht? Die anderen ausbeuten und unterdrücken? Oder – mit dem Einsatz der Liebe – den Menschen helfen zu wachsen, ja sogar frei zu werden?

Weniger als um das Geschlecht gehe es aber um die damit verbundenen Werte. Es gebe Männer, die sich für die weiblichen Werte starkmachen. Und Frauen, die die männlichen Werte vertreten. Ein Beispiel aus der aktuellen Politik: «Marine Le Pen ist schlimmer als jeder Mann», sagt Nanchen. «Sie macht eine männliche Politik, eine Politik der Macht. Angela Merkel hingegen ist eine wahre Politikerin. Sie ist eine Frau geblieben, setzt sich für die Schwachen ein. Politik heisst, sich um andere zu kümmern. Es geht um Fürsorge und um Liebe. Wir brauchen mehr Liebe in der Politik.»

Amherd soll Politikerin sein

Am Anfang der 1970er-Jahre wusste Nanchen noch nicht, was eine Politik der Frau sein könnte: «In meiner Generation waren alle Frauen Politiker. Wir haben uns so verhalten wie die Männer und strebten nach Macht.» Für sie war es ein Schwimmen gegen den Strom. Und irgendwann liess sie sich treiben. «Ich wollte eine Frau sein, eine Politikerin», sagt sie heute. An die Debatten im Nationalrat versuchte sie nicht mehr mit dem Gedanken heranzugehen, ob sie wiedergewählt wird oder wie die Wirtschaft mehr Bedeutung erhält: «Ich wollte mich für die Anliegen der Menschen einsetzen, für den Planeten.» In Viola Amherd setzt Gabrielle Nanchen viel Hoffnung. «Ich glaube, sie wird diese weibliche Sensibilität in den Bundesrat mitbringen. Sie hat diese soziale Ausrichtung und respektiert die Bedürfnisse der Schwachen», sagt Nanchen. Und sie stelle diese Werte vor den Wettbewerb um Macht.

Am Ende ihres Buches «Macht und Liebe» schreibt Nanchen, dass das Ziel eine Versöhnung der männlichen und weiblichen Werte ist: «Ich fühle mich gleichzeitig als Frau und als Mann, weil ich begriffen habe, dass der männliche Wert der Selbstbehauptung genauso zum Sinn meines Lebens beiträgt wie der weibliche Wert der Liebe.» Für Viola Amherd wünscht sie sich, dass sie so bleibt, wie sie sich bisher gegeben hat. Wie eine Frau.

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