Hier regiert «z’Evi»

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Eva-Maria Roten ist die Chefin der Quartierbeiz «Pöstli». Gestern hat ein Gast von ihr etwas Grosses erreicht. Und «z’Evi» freut sich, wenn Viola Amherd bei ihrem nächsten Kaffee als Bundesrätin über die Schwelle ihrer Beiz schreitet.

Nein, sie steht nicht gerne im Mittelpunkt. Lieber ist Eva-Maria Roten im Hintergrund. Dann hat sie den Überblick. Dann kann sie nach vorne schauen, sagt sie, steht hinter der schweren Bar aus Holz und macht einen Kaffee bereit.

«Z’Pöstli» ist eine der letzten Quartierbeizen in Brig. Vor dem Restaurant sind die grünen Hecken zusammengeräumt, sie stehen nahe beieinander, als hätten sie so wärmer, um den kommenden Winter zu überstehen. Vieles hat sich in den letzten Jahren in der Briger Furkastrasse verändert. Auf der anderen Strassenseite ist ein türkischer Imbiss eingezogen, gleich daneben eine Pizzeria. Das Redaktionsgebäude des «Walliser Boten» ist vor fast zwei Jahren in den Boden gestampft worden, ein Neubau ist entstanden. Im gleichen Gebäude wie das «Pöstli» ist ein hipper Barbier eingezogen. Die Nachbarn des «Pöstli» in der Furkastrasse ändern stetig. Das «Pöstli» aber bleibt. Und «z’Evi», wie sie von ihren Gästen genannt wird, bleibt auch. Aber wie lange noch?

Hängen geblieben

Neun Monate wollte «z’Evi» die Beiz eigentlich übernehmen, 15 Jahre ist sie in der Furkastrasse geblieben. Und ein Gast des «Pöstli» ist gestern auf der Leiter der Prominenz ein paar Tritte nach oben gestiegen: Viola Amherd, seit gestern Bundesrätin, hat ihr Anwaltsbüro im Nebengebäude. Und deshalb ist sie immer wieder im Restaurant Post zu sehen, zur Kaffeepause, aber auch zu Besprechungen. Die Anwältin, ehemalige Stadtpräsidentin, Nationalrätin und jetzt Bundesrätin zu Gast in der schlichten Quartierbeiz – ein sympathisches Bild. Ein Bild, das man wohl nur in der Schweiz findet, einem Land, in dem Bundesräte mit dem Zug zur Arbeit pendeln. Und nicht mit Limousinen und Leibwächtern.

Eva-Maria Roten

Die Wirtin Roten behandelt alle gleich. «Mir ist egal, ob ich jemanden im Anzug oder im Arbeitergewand bediene. Für mich sind das einfach alles meine Gäste», sagt Eva-Maria Roten. Fügt dann aber an: «Vor Viola Amherd habe ich ein bisschen mehr Respekt und bin ein bisschen distanzierter.»

Viel will die Wirtin über den prominentesten Gast des «Pöstli» nicht verraten. Wer mit wem hier ein- und ausgeht, sei Privatsache. «Als Wirtin muss ich aufpassen, was ich sage», sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. «Das bleibt mein Geheimnis.»

Einen Ratschlag für alle

Ganz unfreiwillig ist das «Pöstli» zum Hock der Walliser CVP geworden: So ist das Advokaturbüro von Beat Rieder ebenfalls in der Furkastrasse, nur eine Gehminute entfernt. Und auch er ist immer wieder im «Pöstli» zu sehen. Die Walliser Politprominenz in der Quartierbeiz mit den schweren Holzstühlen und dem Plättliboden, aus dem Radio purzeln Pop-Konserven, den Kaffee gibt es für Fr. 3.80. «Ein schwarzer Hock? Keine Ahnung, was meine Gäste für eine Farbe haben», sagt Eva-Maria Roten ironisch. «Ich wirte für alle Farben, nicht nur für die CVP.»

Die Wirtin kassiert einem Arbeiter sein Znüni ein, schwatzt mit ihm über seine baldige Pension, klopft ihm auf die Schulter und sagt «Travailler c’est dur.» Einen Ratschlag oder einen frechen Spruch gibt es für jeden Gast von Evi gratis dazu.

Eva-Maria Roten

Sie selber arbeitet gerne, und ohne ihr «Pöstli» könnte sie irgendwie auch nicht sein, sagt sie. Trotzdem müsse man irgendwann mit der Arbeit aufhören. Wann «z’Evi» aufhört, das weiss sie aber selber noch nicht.Die Wirtin spricht aber lieber nicht zu viel von sich selber. «Ich hasse es, im Mittelpunkt zu sein.» Lieber spricht sie über die erfolgreiche Wahl von Viola Amherd zur Bundesrätin. «Für uns Frauen ist das toll, dass Viola Amherd zur Bundesrätin gewählt worden ist. Sie hat es dem ‹Mannevolch› gezeigt.» Als Gast sei Viola immer sehr freundlich, ein angenehmer Gast, sagt sie.

Aus der Zeitung in die Realität

Am Morgen blättert Eva-Maria Roten immer durch die Zeitung. In den letzten Wochen ist sie dabei um ein Thema nicht herumgekommen: die Kandidatur von Viola Amherd zur Bundesrätin. Speziell sei es natürlich schon, dass sie Viola Amherd am Morgen in der Zeitung sehe. Und am Nachmittag betrete sie dann ihre Beiz. «Ich freue mich, wenn Viola als frischgebackene Bundesrätin in meine Beiz kommt. Ich werde ihr natürlich gratulieren. Es ist ein Highlight meiner Karriere im ‹Pöstli›», sagt sie stolz. «Viola ist ein Vorbild für alle Oberwalliser, besonders für die jungen Frauen», sagt Eva-Maria Roten.

So wird der Karrierehöhepunkt von Viola Amherd auch zum Höhepunkt von «Evi». Viola Amherd an der Spitze der Schweizer Politik und im Rampenlicht der Presse. Und «z’Evi» hinter der Bar des «Pöstli».

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