Der empfindliche Blick

Schreibe einen Kommentar

Er ist der bedeutendste Fotograf des Wallis. Oswald Ruppen hat den Kanton zwischen zwei Welten festgehalten. Hinter dicken Brillengläsern hatte er einen empfindlichen Blick und ein Gespür für Menschen. Zwei seiner Schüler erzählen, wie er war.

Seine Schüler loben ihn, den Meister der Fotografie in Schwarz-Weiss. Und zwar in den höchsten Tönen. Die Fotografen Robert Hofer und Thomas Andenmatten haben ihre Lehrjahre bei Oswald Ruppen verbracht. Nun ist der Altmeister in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch im Alter von 92 Jahren verstorben.

Sein Tod sei keine Überraschung gewesen, sagt Hofer. Seit zwei Jahren war der Altmeister bereits im Altersheim. Und Robert Hofer besuchte ihn dort immer wieder. «Er war ein zweiter Vater für mich», sagt er.

Spazieren gehen

Oswald Ruppen dokumentierte das Wallis, als die Hochspannungsleitungen erstmals höher wurden als die Kirchtürme. Im Übergang zwischen dem bäuerlichen und dem industriellen Zeitalter hielt er auf schlichte, aber äusserst beeindruckende Weise das alltägliche Leben der Bevölkerung fest. Er dokumentierte die Arbeiten der Winzer, religiöse Feste, das Leben der italienischen Grenzgänger und die Gebräuche und Sitten im Wallis.

Wie Thomas Andenmatten heute sagt, sei es für ihn ein grosses Glück gewesen, dass er den Meister vier Jahre lang begleiten durfte: «Oswald konnte einem nicht wirklich etwas beibringen, er wollte das auch nicht. Er war ein-fach da, und man schaute, was er macht», sagt Andenmatten. Mit drei Objektiven im Gepäck und ohne Blitz zogen Oswald Ruppen und sein Schüler los und haben fotografiert. «Oswald nannte es immer spazieren. Durch ihn lernte ich das Wallis kennen und lieben», sagt Andenmatten.

Ein Beispiel eines Streifgangs: Oswald Ruppen und Thomas Andenmatten gingen in die Alusuisse nach Chippis. Im Café l’Industriel standen um 16.50 Uhr rund 30 Stangen Bier auf dem Tresen. Und die Beiz war menschenleer. Zehn Minuten später stürmten die Arbeiter die Bar und holten sich ihr Feierabendbier. «Diese Momente mitzunehmen, er hat es einfach gespürt», sagt Andenmatten.

Den Moment einfangen

Oswald Ruppen war nicht nur Fotograf und Lehrer, sondern ein Humanist und Intellektueller. Er studierte in Freiburg im Breisgau und an der Sorbonne in Paris, beendete sein Studium plötzlich. «Es ist ganz eigenartig, wenn ein Mensch mit einem solchen Horizont zurück ins Wallis kommt», sagt Hofer.

Jahrelang fotografierte Ruppen für die Zeitschrift «Treizes Etoiles» und war Chefredaktor der «Schweizerischen Photorundschau». Und während seiner Zeit bildete er rund ein Dutzend Lehrlinge aus. Nach der Lehrzeit musste Robert Hofer alles wieder vergessen, was er bei dem Meister gelernt hatte. «Ich wollte nicht auf der gleichen Ebene fotografieren wie er, denn das ist unmöglich. Deshalb habe ich einfach das Gegenteil gemacht», sagt Hofer.

Die Fotografien von Oswald Ruppen wirken nie gestellt, sie wirken leicht und natürlich. Und trotzdem theatralisch. «Schwarz-weiss ist eine Abstraktion der Realität und macht die Fotos theatralisch», sagt Hofer. Der Meister der Schwarz-Weiss-Fotografie kam erst spät zu seinem Ruhm. Und dieser hält sich bis heute in Grenzen. Das passt zu seiner Person, er war stets diskret, bescheiden, zurückhaltend. Das lag wohl aber auch daran, weil er in der Peripherie tätig war. «Hätte Oswald in Zürich gewohnt, wäre er zu einem der grössten Fotografen seiner Zeit geworden», sagt Hofer.

Hinter seinen dicken Brillengläsern schaute er mit einem empfindlichen Blick in die Walliser Welt, hielt Menschen und Landschaften fest für die Ewigkeit, war stets neugierig und auf der Suche nach dem perfekten Moment. «Von Oswald habe ich am meisten gelernt zu schauen. Die Leute zu beobachten, sie nicht zu inszenieren, sondern die Leute so zu zeigen, wie sie sind», sagt Andenmatten. «Die grosse Stärke von Oswald war es, den Moment so zu treffen, wie er ist.»

 
 
Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.